Analoger Einstieg: Beirette vsn
Die Beirette vsn ist eine minimalistische Kleinbildkamera mit dem Filmformat 24x36mm und wurde von 1974 bis 1989 in riesigen Stückzahlen vom VEB Kamerafabrik Freital gebaut. In der DDR sowie auf allen Exportmärkten im Westen wurde sie unter dem originalen Namen vertrieben, nur im damaligen Westdeutschland ist sie als beroquick 135 in die Geschäfte gekommen. In der DDR ist die Beirette vsn um stolze 95 Mark (Ost) verkauft worden und war in den Geschäften - zumindest in den Centrum-Kaufhäusern - auch regelmäßig ohne lange Lieferzeiten verfügbar. In Österreich ist die Beirette vsn in der zweiten Hälfte der 1980er um günstige 200 Schilling oder umgerechnet 15,50 Euro über den Ladentisch gegangen. Bezogen auf den niedrigen Preis war die Kamera solide ausgestattet. Sogar Abdeckkappen aus Aluminium sind Standard, nur besteht das Chassis aus Kunststoff und auch die Mechanik im Filmtransport besteht überwiegend aus Kunststoff mit Metallteilen wo sie sinnvoll sind.
Das Objektiv der Beirette vsn ist ein bewährtes Cooke-Triplet. Das ist eine normalbrennweitige Standardkonstruktion mit drei Linsen genau wie die Klassiker Carl Zeiss Triotar, Steinheil Cassar oder das mehr als zwei Millionen Mal gebaute Domiplan 50mm/2.8 von Meyer Optik in Görlitz. Bei der Beirette vsn hat es die Bezeichnung Ernst Ludwig Meritar, eine Lichtstärke von 1:2,8, eine Brennweite von 45mm und vergütete Linsen. Ab Blende 11 hat das Objektiv eine gute Leistung, ist über das gesamte Bildfeld scharf und liefert bezogen auf den konstruktivischen Aufwand eine respektable Leistung. Bei offener Blende hat es die bei Triplets üblichen Schwächen wie einen etwas reduzierten Kontrast und einen weichen Schärfeeindruck vor allem an den Bildrändern. Die Scharfeinstellung erfolgt nach Schätzung, wobei man durch eine Schärfentiefenskala unterstützt wird. Die drei Belichtungszeiten werden von einem Priomat-S-Verschluss gesteuert. Das ist ein einfacher Zweisektorenverschluss mit Federsteuerung wie er in Millionen von Einfachkameras in den 1950er- und 1960er-Jahren eingebaut wurde. Der simpel aufgebaute Priomat hat in diesem Fall den Vorteil, dass der Verschluss auch nach Jahrzehnten noch immer funktioniert und eine Wartung nur selten erforderlich wird. Die lediglich drei Verschlusszeiten 1/30, 1/60 und 1/125 Sekunde kann man als Nachteil empfinden, für Sunny-16 und die Wettersymbole sind sie aber ausreichend. Der Zentralverschluss ist in allen drei Zeiten synchronisiert, wobei ein Blitz bei meiner Kamera nur über den Mittenkontakt auf der Oberseite der Kamera gezündet werden kann. Das Blitzsymbol bei 1/30 Sekunde bezieht sich auf die Verwendung von Blitzbirnen und ist heute nicht mehr von Relevanz.

Obwohl die Beirette vsn spartansich ausgestattet ist, besitzt sie immerhin ein selbstrückstellendes Bildzählwerk. Wird die Rückspulkurbel nach oben gezogen springt das Zählwerk auf „A" für Anfang und wird in der Folge mit jedem Transportschritt weiterbewegt bis es nach sechsunddreißig Aufnahmen bei „E" angekommen ist, was wohl Ende bedeuten soll. Die überschaubare Ausstattung wird durch ein Stativgewinde und eine Öse für eine Tragkordel vervollständigt. Der ursprüngliche Lieferumfang bestand aus Kamera, einer Bereitschaftstasche und der Bedienungsanleitung.

Die "Belichtungssteuerung" der Beirette vsn ist einfach aber clever und gut geeignet um ohne Belichtungsmesser zu ausreichend genau belichteten Negativen zu kommen:

Die Filmempfindlichkeit wird zur Bildung der Belichtungszeit herangezogen. Stellt man einen Filmempfindlichkeitsbereich ein (Bild oben) wird gleichzeitig eine Belichtungszeit vorgewählt (Bild unten). ISO 25-32 wird mit 1/30 Sekunde belichtet, ISO 50-64 mit 1/60 Sekunde und ISO 100-125 mit 1/125 Sekunde. Zusätzlich besitzt der Priomat-S-Verschluss noch eine Einstellung B für Langzeitbelichtungen.
Die zur Belichtungszeit passende Blende (Bild oben) kann man an der Beirette vsn ganz einfach über Wettersymbole (Bild unten) einstellen. Die Zeit-Blenden-Kombination kann man links am Objektiv ablesen. Diese Systematik macht Ergebnisse reparoduzierbar, wenn man es in etwa hinkriegt das aktuelle Wetter in das entsprechende Symbol umzusetzen. Besonders schwierig ist das nicht und selbst wenn man sich verschätzt, liegt die Genauigkeit der Belichtung fast immer im Belichtungsspielraum von Negativfilm.


Eben weil sie so einfach ist, ist die Beirette vsn eine ideale Kamera um in die analoge Fotografie einzusteigen. Sie ist in jeder Disziplin besser als irgendeine Lomo-Kamera und ziemlich perfekt, wenn es darum geht ein Gefühl für die Sunny-16-Regel zu bekommen. Wettersymbole erleichtern die feinere Abstimmung der Belichtung, wenn einmal die Sonne zu viel und ein anderes Mal zu wenig scheint. Die Kamera hat ein leistungsfähiges Objektiv sowie eine leichte aber robuste Konstruktion, die fast alles mitmacht. Ein bequemer Sucher mit Leuchtrahmen und Parallaxenmarkierungen erleichtert die Bildgestaltung und weil die Kamera völlig mechanisch ohne jede Elektronik auskommt, braucht sie keine Batterien. Die Beirette vsn ist eine Kamera von vorgestern ohne jede Ausstattung und ohne jeden Komfort. Der Benutzer muss wissen was er tut und was er an der Kamera einstellt. Die Entfernung, die Zeit sowie die Blende sind für Anfänger aber schon eine ganze Menge Parameter, die er unter Kontrolle zu halten hat und bei der Beirette vsn führt kein Weg an der Beschäftigung mit den fotografischen Basics vorbei. Weil man im Unterschied zu vielen „Spielzeugkameras" auch noch  reproduzierbare Ergebnisse bekommt, ist eine Beirette vsn ein gutes Übungsgerät um ein Gefühl für die Belichtung und das Filmmaterial zu bekommen. Wer sich ein paar Filme lang mit dieser Kamera und den Grundlagen der Fotografie beschäftigt, darf sich danach schon ein bißchen wie ein Spezialist für analoge Aufnahmetechnik fühlen.

Fazit:
Die Beirette vsn ist eine ideale erste Analogkamera, weil sie gut und günstig ist. Selbst wenn sie nach zehn Filmen weggestellt wird weil man sich fotografisch weiterentwickelt hat, ist ihre Anschaffung gerechtfertigt. Eine Beirette vsn ist aktuell zwischen zehn und zwanzig Euro in gutem Zustand zu bekommen und das ist für das Gebotene wirklich nicht viel. Wer eine Beirette vsn2 angeboten bekommt, darf auch ruhig zuschlagen, denn diese Kamera ist mit der Beirette vsn identisch. Sie wurde ausschließlich mit schwarzen Deckkappen im Zeitraum 1988 bis 1989 produziert, ist seltener zu bekommen und kostet meist ein paar Euro mehr.






Pro:

     - Robuste Ausführung und kompakte Bauweise

     - Dreilinsiges Objektiv mit ansprechender Bildqualität

     - Belichtungssteuerung mittels Wettersymbolen möglich
 



Kontra:

     - Beste Bildschärfe erst zwischen Blende 11 und 16

     - Kein Drahtauslösergewinde

Bild oben: Eine Schärfentiefen-Skala erleichtert die Scharfeinstellung des Meritar 2,8/45mm. Das normalbrennweitige Objektiv benötigt eine sorgfältige Scharfeinstellung und eine Blende von 11 oder 16 um eine sehr gute Abbildungsleistung zu erreichen.



Bild rechts: Zur Ausstattung der Beirette vsn gehört auch ein 1/4-Zoll-Stativgewinde. Auf eine großartige Herstellerbezeichnung hat man verzichtet. Lediglich die drei Buchstaben "DDR" deuten auf das Herstellerland hin.



Bild unten: Die Rückwand ist mit einem Schieber zu öffnen. Der Mechanismus ist stabil und sehr gut gegen unabsichtliches Öffnen gesichert. Die Beirette vsn kommt völlig ohne Lichtdichtungen aus. Was nicht da ist, kann nicht kaputt gehen und wieder ein Vorteil einer simplen Konstruktion.
Der Otto-Wagner-Pavillion auf dem Karlsplatz in Wien (Aufnahme aus dem Jahr 1987) mit der Beirette vsn und Perutz Chrome 100 Diafilm. Scan mit CanoScan 2700F. Laut meiner Archivsoftware stammt der Scan aus dem Jahr 1998:


Das dreilinsige Meritar-Objektiv liefert bei Blende 8 bis 16 eine gute aber nicht überragende Bildqualität. Man kann zum Beispiel die Schrift auf der gelben Tafel an der Eingangstür nicht lesen. Die leichten Farbsäume bei Übergängen vom Himmel zum Gebäude stammen wahrscheinlich zum Teil vom Objektiv und zum Teil vom Scanner. Dieses Bild ist auch ein gutes Beispiel für die Abbildungsleistung eines Diafilms der 1980er-Jahre. Damals habe ich die Belichtung mit einem Gossen Sixtar gemessen. Das Gerät gibt es heute noch, nur sind die CdS-Zellen erschöpft mit daraus resultierender Ungenauigkeit der Messergebnisse.


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