Marantz PMD620
Die Miniaturisierung hat auch vor tragbaren Audio-Aufnahmegeräten nicht halt gemacht. Waren vor dreißig Jahren noch tragbare Tonbandgeräte á la Uher Report der Standard für qualitativ hochwertiges Audiorecording, hat sich das in immer kürzeren Zeitabständen geändert. Der WM-D6C Walkman Professional aus den seligen 1980er-Jahren oder mobile DAT- und Minidisc-Recorder der 1990er haben allen, die unterwegs Audioaufzeichnungen herstellen mußten, das Leben erleichtert.

Seit einigen Jahren macht sich abermals eine neue Technologie breit, die neue Möglichkeiten bietet. Die Rede ist von Solid-State-Recordern, also Geräten, die als Aufzeichnungsmedium elektronische Speichermodule verwenden. Den Anfang haben einige MP3-Player Modelle gemacht, die den integrierten Speicher zur Aufzeichnung von Sprachaufnahmen über ein eingebautes Mikrofon genutzt haben. Die Aufzeichnungsqualität war eher bescheiden aber für eine akustische Notiz ausreichend. Seit etwa dem Jahr 2004 gibt es Solid-State-Recorder mit adäquater Tonqualität auch für professionelle Anwender. Die ersten professionellen Modelle waren für alle Eventualitäten und Einsatzbedingungen ausgelegt und dementsprechend aufwendig und teuer konstruiert. Mit der größeren Verbreitung dieser Maschinen gibt es immer mehr Modelle und die Hersteller bieten auch günstige und für den Heim- und Hobbyanwender erschwingliche Produkte an. Grund genug sich die neueste Entwicklung anhand eines brandneuen Modells anzusehen.

Der Marantz PMD620 ist seit Mitte November 2007 verfügbar und eines der ersten Geräte hat auch den Weg in die Praktiker-Redaktion gefunden. Nach mehr als einem Monat Praxistest stehen die Stärken und Schwächen des PMD620 fest:

Bevor man sich so ein Ding kauft, sollte man sich ein persönliches Anforderungsprofil erstellen. Der Marantz PMD620 ist als reiner MP3-Player mit Diktiergerätefunktion zu schade. Da gibt es billigere Geräte, die diese Funktion auch erfüllen. Der PMD620 richtet sich an kreative Geister, die Podcasts herstellen, an interviewende Journalisten oder an Leute, die O-Ton in guter Qualität benötigen. Einen weiten Einsatzbereich finden Geräte wie der PMD620 naturgemäß auch bei Musikern, egal ob für Live-Mitschnitte oder Studioaufnahmen. Mit einem Preis von etwa 400 Euro ist das Gerät für die vorhin genannten Zielgruppen erschwinglich und prognostiziert man die Lebensdauer und Einsatzzeit des Gerätes mit vier bis fünf Jahren, dann ist eine Nachbeschaffung eines neuen Gerätes kein allzu großer finanzieller Aufwand.
Juni 2008 / überarbeitet Jänner 2010 und Jänner 2015

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Übersichtliche OLED-Anzeige
Studiorecorder mit der Größe einer Zigarettenpackung: Marantz PMD620
Lieferumfang: Der PMD620 Solid-State-Recorder wird in einem kaum schuhschachtelgroßen Karton geliefert. Neben dem Recorder befindet sich noch eine 512MB Speicherkarte von SanDisk, das originale Netzgerät, ein USB-Kabel, ein Audiokabel Cinch-auf-Stereoklinke, ein Handriemen sowie eine CD-ROM mit Software und eine gedruckte Dokumentation in englischer Sprache im Lieferumfang. Nett ist auch die serienmäßig enthaltene Mikrofonhalterung. Die kann man auf ein Mikrofonstativ schrauben, den PMD620 darin einklicken und schon kann die Liveaufnahme beginnen. Im Lieferumfang fehlt eigentlich nichts, schön ist auch die 512MB SD-Card, weil man damit sofort bis zu fünfeinhalb Stunden MP3-Aufnahmezeit zur Verfügung hat. Eine Schutzhülle oder Transporttasche könnte dabei sein, dann wäre der Lieferumfang Extraklasse. Nachdem der Recorder gerade so groß wie eine Zigarettenschachtel ist, wird man aber leicht ein passendes Behältnis finden. Ich habe die Tasche einer ausgedienten Rollei 35S Kompaktkamera verwendet, die war mit null Euro günstig und erfüllt den vorgesehenen Zweck.
Gehäuse und Tasten: Schon auf den ersten Blick wirkt der PMD620 wie ein professionelles Gerät. Die Verarbeitung ist sehr gut und die Haptik stimmt. Das Gerät ist weder zu leicht noch zu schwer, liegt gut in der Hand und man kann es mit dem rechten Daumen oder linken Daumen bedienen. Vom Layout der Tasten ist der Marantz zwar eher für Rechtshänder ausgelegt (vor allem Position der Aufnahmetaste), Linkshänder werden aber trotzdem keine Schwierigkeiten bei der Bedienung haben. Die Größe der Tasten ist ausgezeichnet, sie haben einen klar definierten Druckpunkt und nach einer kurzen Eingewöhnungsphase lässt sich das Gerät blind bedienen. Das ist z.B. dann ein Argument, wenn man sich zuvor gemachte Aufnahmen während einer Autofahrt über den iPod-/Aux-Eingang am Autoradio anhören will oder wenn man das Gerät in einer halbdunklen oder finsteren Umgebung bedienen muß. Die Abdeckklappen für den USB-Anschluß, den Kartenschacht und die externe Stromversorgung sitzen passgenau im Gehäuse, lassen sich leicht öffnen bzw. schließen und vor allem knarren oder klappern sie während des Betriebs nicht. Das tut leider das Batteriefach und dieses klappern macht sich dann bei Aufnahmen mit den integrierten Mikrofonen störend bemerkbar. Abhilfe schafft entweder ein externes Mikrofon oder wenn man ein drei bis vier Millimeter hohes Moosgummiplättchen in der Größe von 1x2cm auf die Innenseite des Batteriefachdeckels klebt. Der "Moosgummidämpfer" drückt dann gegen die Batterien und stabilisiert den Batteriefachdeckel. Das Klappern hat sich damit bei meinem Gerät erledigt.

Display und Anzeigen: Der Marantz PMD620 hat eine schwarz/weiße OLED-Anzeige. Die ist schön hell, ausreichend groß, gut ablesbar und bietet genügend Informationen über den aktuellen Betriebszustand bzw. die aufgenommenen Tracks. Da es sich um ein Gerät mit professionellen Ansprüchen handelt wurde auf Animationen und andere Gimmicks verzichtet. Zwei Leuchtdioden mit der Bezeichnung LEVEL und OVER signalisieren einen Pegel nahe der Sättigungsgrenze bzw. über der Sättigungsgrenze. Die mit OVER bezeichnete Clipping-Warnung ist ausreichend genau. Wenn sich der Recorder im Aufnahmemodus befindet leuchtet die Umrandung der Aufnahmetaste rot und informiert auch wenn man sich weiter weg vom Gerät befindet, daß der Recorder noch aufnimmt.
Der SD/SDHC-Kartenslot befindet sich, wie auch die Anschlüsse für USB und externe Stromversorgung hinter gut sitzenden und passgenauen Kunststoffabdeckungen
Um gute Kontakte bemüht: Obwohl der Marantz PMD620 so klein ist, besitzt er alle erforderlichen Anschlüsse und Schnittstellen.
Anschlüsse, Mikrofone und Lautsprecher: Der Marantz besitzt, obwohl als Profigerät ausgewiesen, keine XLR-Anschlüsse. Alle Ein- und Ausgänge sind als Stereo-Klinkenstecker 3,5mm ausgeführt. Dieses Konzept hat Vor- und Nachteile, wobei meiner Meinung nach die Vorteile eindeutig überwiegen: Die 3,5mm-Stereo-Klinke hat sich weitgehend als Standard etabliert. Kabel und Adapterkabel gibt es fast an jeder Ecke zu kaufen und sollte unterwegs ein Kabel verloren oder kaputt gehen, dann ist eine Nachbeschaffung vor Ort meist kein Problem. Es sei denn, Sie machen gerade ein Interview irgendwo auf Kamtschatka oder in Nordgrönland. Das Steckerformat ist auch für den gelegentlichen Eigenbau oder die schnelle Reparatur von Kabeln gut beherrschbar. Jeder der mit einem Lötkolben umgehen kann, schafft eine Reparatur oder kann sich Adapterkabel selber bauen. Die 3,5mm-Stereo-Klinke macht die kompakte Bauform des PMD620 möglich, weil die Buchsen im Gerät wenig Platz erfordern. Das Argument, sie seien für den harten Profialltag nur beschränkt tauglich lasse ich gelten und vor allem wenn ein PMD620 permanent von vielen verschiedenen Personen benutzt wird, kann es da zu Schwierigkeiten in Form von Kontaktproblemen und Wackelkontakten kommen. Die relativ robuste Auslegung der Buchsen wird da nicht viel daran ändern. Wer auf seinen PMD620 aufpasst sollte aber keine Probleme bekommen.

Digitale Audio-Ein- und Ausgänge fehlen dem Marantz PMD620. Neben den analogen Ein- und Ausgängen gibt es nur die USB-Schnittstelle mit der man (digitale) Daten auf einen PC übertragen kann. Mehr dazu etwas später.

Eine pragmatische Lösung ist auch der Anschluß einer externen Stromquelle. Der Hohlstecker hat die heute bei Digitalkameras, PDAs und elektronischen Kleingeräten überwiegend verbreitete Auslegung. Zwar wird in der Bedienungsanleitung ausdrücklich darauf hingewiesen nur das originale Netzteil zu verwenden, derartige Hinweise kann man getrost ignorieren, solange man weiß was man tut. Der Marantz PMD620 benötigt 5 Volt Gleichspannung und die kann jeder 7805-Spannungswandler mit der erforderlichen Toleranz zur Verfügung stellen. Seit einiger Zeit verwende ich einen Selbstbau-Autoadapter auf Basis des 7805 der in Verbindung mit dem PMD620 funktioniert und dem Recorder keinen Schaden zugefügt hat.

Die auf der SD-Karte gespeicherten Tracks kann man sich entweder über einen Kopfhörer anhören oder den eingebauten Mono-Lautsprecher dafür verwenden. Der Lautsprecher ist ein guter Kompromiß, wenn mehrere Personen hören möchten. Bedingt durch die begrenzte Ausgangsleistung ist das allerdings nur in einer mäßig lauten Umgebung möglich. Am Vorfeld eines Flughafens tut sich der Lautsprecher gegen die Umgebungsgeräusche sehr schwer. Trotzdem ein eindeutiger Pluspunkt für das Gerät. Für das Abhören während der Aufnahme und Wiedergabe gibt es einen Kopfhöreranschluß. Der ist mit einer Leistung von 16mW/16Ohm für viele Hörer geeignet, leistungshungrige Studio- oder High-End-Kopfhörer sind aber nicht am PMD620 zu verwenden. Das ist vielleicht im Studio eine Einschränkung, unterwegs würde es mir aber ohnehin nicht einfallen meinen AKG K271 oder K702 mitzuschleppen, wenn das Aufnahmegerät in meine Sakkotasche passt.

Plus:

- Super Aufnahmequalität

- Hervorragende Verarbeitung

- Energiesparende OLED-Anzeige

- Betrieb mit Mignon- (AA-) Batterien



Minus:

- Unterstützt keine ID3-Tags

- Klappernder Batteriefachdeckel

Solid-State-Recorder für SDHC-Speicherkarten
Stromversorgung: Wie schon erwähnt akzeptiert der Marantz PMD620 Energie von externen Stromquellen, wenn diese 5 Volt Spannung und etwa 4 Watt Leistung liefern. Für unterwegs sind zwei Stück Mignon (Typ AA oder MN-1500) Batterien oder Akkus erforderlich. Mit Alkali-Batterien wird eine nominale Betriebszeit von 4 Stunden angegeben. Ich habe NiMh-Akkus mit einer Kapazität von 2.400mAh und 2.800mAh verwendet und Laufzeiten von knapp über fünf Stunden im gemischten Aufnahme-/Wiedergabebetrieb erreicht. Sowohl über den Batterietyp als auch über die Betriebszeiten pro Batteriesatz braucht man nicht zu jammern. Als Beispiel hat der Marantz PMD620 während einer kompletten Dichterlesung den gesamten Abend mit einem einzigen Akkusatz durchgehalten. Der Vorteil von Mignon-/AA-Batterien liegt nicht nur in der leichten Verfügbarkeit, bedingt durch die weite Verbreitung in Digitalkameras werden auch immer leistungsfähigere Typen entwickelt, deren verlängerte Einsatzzeiten auch dem PMD620 zu gute kommen.

Übertragung von Tracks an andere Geräte:
Der USB-Anschluß ist die einzige digitale Verbindungs-möglichkeit am PMD620. Auch in dieser Disziplin gefällt der Marantz Recorder. Die Anbindung an einen Computer erfolgt als einfacher Wechseldatenträger und bei Windows XP/Vista/7 sind nicht einmal eigene Treiber erforderlich. Im Gegensatz zu vielen Minidisc-Recordern wird auch keine spezielle Software wie z.B. die OpenMG-Jukebox oder ähnliches zum Datentransfer benötigt. Es gibt bei der Übertragung auch keine Bevormundung durch Digital-Rights-Management (DRM) und andere Kopierschutzsysteme. Das wäre bei einem Gerät für professionelle Anwender wenig sinnvoll, soll aber trotzdem erwähnt werden. Die USB-Schnittstelle dürfte die Spezifikationen für USB 2.0 erfüllen, obwohl weder auf der Verpackung noch in der Bedienungsanleitung explizite Hinweise auf USB 2.0 oder Highspeed-USB zu finden sind. Die Leistungsfähigkeit reicht jedenfalls aus um den Inhalt großer SD-Cards in erträglicher Zeit auf den PC zu schaufeln. Die Verbindung von PMD620 zum PC erfolgt über ein handelsübliches USB-Kabel mit einem Mini-USB-Anschluß an einem Ende.


Die eingebauten Elektret-Kondenser-Mikrofone sind hervorragend für Sprachaufnahmen geeignet
Speichermedien, Aufzeichnungs- und Wiedergabeformate: Beim Aufzeichnungsmedium ist man Standards gefolgt und zum Einsatz kommen SecureDigital-Speichermedien. Die sind klein, haben ausreichende Kapazitäten und sind überall verfügbar. Selbstverständlich kann man auch SDHC-Speicherkarten verwenden, was die Aufnahmekapazität auf über 94 Stunden in bester MP3-Qualität bzw. 7,5 Stunden unkomprimiertes WAV-Format mit 48kHz mit einer 8GB Karte ausdehnt. Die Werte sind auch für ausgedehnte Aufnahmesessions mehr als praxistauglich und das SD-Speicherkartenformat ist eine ebenso aktuelle wie zukunftssichere Technologie.

Für die Aufnahmen stehen verschiedene Formate zur Auswahl. Neben dem unkomprimierten Broadcast-Wave Format, übrigens kompatibel mit dem herkömmlichen Wave-Format, kann in komprimierten MP3-Formaten aufgezeichnet werden. Dazu stehen verschiedene Einstellmöglichkeiten zur Auswahl und man kann die Aufnahmeparameter sehr gut an erforderliche Qualitätsbedürfnisse anpassen. So wäre es z.B. völlig sinnlos Aufnahmen für Podcasts im unkomprimierten Wave-Format oder in der besten MP3-Qualitätsstufe anzufertigen. Da hat man lieber mehr Aufnahmezeit auf der Speicherkarte. Die Einstellmöglichkeiten reichen von der einfachsten Qualität in Mono bei 32kbit/s bis zu Linear-PCM Stereo mit 48kHz Samplingrate.

Die Wiedergabe von MP3- und Wave-Dateien, die nicht mit dem Marantz Recorder hergestellt wurden ist natürlich auch möglich. Ich besitze eine Sammlung von etwa 450 Audio-Tracks die Musik, Hörbucher und viele Eigenaufnahmen enthalten. Diese Eigenaufnahmen stammen aus analogen Quellen wie einem Sony Walkman Professional WM-D6C, einem Akai GX95-II Cassettendeck und aus digitalen Quellen wie einem Sony TCD-D3 DAT-Recorder und drei Minidisc-Laufwerken. Digitalisiert wurden die meisten dieser Aufnahmen mit einem Analog/Digitalkonverter von E-MU, teilweise über die optischen Digital-Ein-und Ausgänge. Die Samplingraten wurden bei den Eigenaufnahmen auf 16bit/256kbps eingestellt und haben genügend Qualität für den Test. Der Marantz PMD620 hat mit keiner Datei Probleme gehabt und es werden sogar VBR-MP3-Dateien wiedergegeben, wobei dann der Vor- und Rücksprung innerhalb der gerade wiedergegebenen Datei nicht möglich ist. 

Eingebaute Mikrofone:
hat der Marantz PMD620 auch. Es handelt sich dabei um zwei erstklassige Elektret-Kondenser-Mikrofone, die ihre Stärken eindeutig bei Sprachaufnahmen haben. Der Abstand zwischen linkem und rechtem Mikrofon ist für Sprachaufnahmen optimal, für die Aufzeichnung von Hintergrundgeräuschen in Stadt und Land sind sie durchaus geeignet, auch wenn ich einem externen Mikrofon den Vorzug geben würde. Getestet wurde der Recorder mit einem älteren Sony PC-62 (vom WM-D6C) und einem ECM-MS907. Bei beiden externen Mikrofonen handelte es sich um Elektret-Kondenser-Typen, wobei die Stromversorgung des Sony PC-62 Mikrofons durch den Marantz Recorder erfolgt ist. Vor allem mit dem ECM-MS907 war die Qualität bei der Aufnahme von Umgebungsgeräuschen hinsichtlich des räumlichen Höreindrucks und bei der Basswiedergabe geringfügig besser als mit den eingebauten Mikrofonen. Allerdings ist ein Stereomikrofon in diesem Bereich immer ein Kompromiß. Die externen Mikrofone haben trotzdem ihre Berechtigung, weil sie relativ weit weg vom Recorder gehalten werden können und damit Gehäuseresonanzen und Nebengeräusche während der Recorderbedienung nicht aufgezeichnet werden.

Ausstattung und Bedienung: Das in hier vorgestellte Gerät ist eine erfreuliche Ausnahme bei der Bedienung, denn man kann es aus der Schachtel nehmen und sofort damit arbeiten. Irgendwie fühlt man sich an die Zeiten der guten alten CompactCassette erinnert, denn das Bedienkonzept des PMD620 ist das was man im angelsächsischen Raum als straight-forward bezeichnen würde. Es ist simpel und logisch ohne viele Firlefanzen. Die Ausstattung des Marantz PDM620 ist durchaus ausreichend ohne überladen zu sein. Das Gerät kann alles, was man als Profi oder semiprofessioneller Anwender für Aufnahmen braucht ohne jedoch umfangreiche Schnitt- und Sonderfunktionen zu besitzen. Meiner Meinung nach ist das auch gar nicht notwendig, weil dann die Bedienung eines derartig kompakten Gerätes zu kompliziert werden würde. Mit dem kleinen Display wären umfangreiche Editierfunktionen auch gar nicht machbar.

Grundsätzlich orientiert sich die Vorgangsweise und Bedienung bei Aufnahme und Wiedergabe an klassischen Vorlagen wie Tonbandgerät, DAT- oder MD-Recorder und wird durch aktuelle Features wie sprachgesteuertem Aufnahmestart und der Copy-Segment-Funktion ergänzt. Der Aufnahmepegel kann entweder per ALC, einer automatischen Pegelkontrolle und Regelung, oder manuell erfolgen. ALC oder manuelle Pegeleinstellung werden vor Aufnahmebeginn festgelegt. In der manuellen Betriebsart gibt während der Aufnahme eine Pegelanzeige Auskunft über die Eingangspegel. Sehr nützlich ist auch die Möglichkeit Konfigurationen für Aufnahmeeinstellung abzuspeichern. Im Preset-Menu des Recorders legt man die verschiedenen Parameter für jedes der drei Presets fest und speichert diese ab. Man kann sich etwa Voreinstellungen für Aufnahmen im Studio, auf der Straße oder mit einem bestimmten Mikrofon abspeichern und später situationsabhängig abrufen. Das ist ganz angenehm, denn neben Aufnahmeeingang, Aufnahmeformat oder Widergabemodus können Werte für 23 Einstellungen festgelegt werden. Die Anpassung des PMD620 an die verschiedenen Aufnahmebedingungen erfolgt dann über den Menüpunkt Preset-Select. Gut ist auch, daß die festgelegten Presets auf eine SD-Card gesichert und bei Bedarf wieder in den PMD620 kopiert werden können. Die Sicherungsdateien für den Preset-Select sind übliche ASCII-Dateien und können mit jedem Texteditor bearbeitet werden.

Ergänzt wird die Ausstattung durch die bereits erwähnte lautstärkegesteuerte Aufnahme "Silent-Skip". Die hat sogar einen zwei Sekunden langen Pre-Recording-Buffer, damit nichts am Anfang der Aufnahme verloren geht. Die Tracknummern können entweder manuell durch Druck auf die REC-Taste erhöht werden, oder man kann das auch den PMD620 erledigen lassen, der die Nummerierung in vorgewählten Zeitabständen automatisch hochzählt. Ein Mikrofon-Dämpfungsschalter und ein Rumpelfilter runden die Optionen für die Aufnahmeeinstellungen ab.

Nach der Aufnahme kann man die Tracks auch direkt im Gerät editieren. Die Möglichkeiten sind zwar beschränkt aber durchaus sinnvoll. Mit der Funktion "Copy-Segment" wird aus einer (gerade aufgenommenen) Audiodatei ein Stück herausgenommen und als neue Audiodatei abgespeichert. Bei einem Interview kann man damit die wichtigsten Passagen auf einige wenige Audiodateien reduzieren und im PMD620 sogar mit neuen, aussagekräftigen Namen versehen, denn eine Funktion zum verändern der Dateinamen ist vorhanden. Damit man auch alles versteht, was einem der Interviewpartner vorher gesagt hat, gibt es noch die Skip-Back Funktion. Das ist eine Art Schnellrücklauf in einer vorher festgelegten Länge. Je nach Einstellung springt der Recorder auf Tastendruck während der Wiedergabe innerhalb der Datei zurück. Sinnvoll sind Einstellungen zwischen drei und fünf Sekunden, es geht aber auch länger. Die Wiedergabe wird dann an der Rücksprungstelle fortgesetzt und man kann sich undeutliche Stellen, so oft man will, nochmals anhören - sehr nützlich z.B. bei Übersetzungen oder beim Transkribieren.

Um aufgenommene Tracks zu finden, umzubenennen oder zu löschen gibt es eine Wiedergabeliste. Die wird anhand der Dateinamen angezeigt, denn der Marantz PMD620 orientiert sich beim Dateisystem an MS-DOS  und vergibt Tracknummern nach dem 8+3-System aus der Urzeit des PCs. In Verbindung mit einer einstellbaren Machine-ID werden eindeutige Dateinamen erzeugt, die praktisch mit allen Computersystemen kompatibel sind. Der PMD620 unterstützt keine ID3-Tags, es gibt daher keine Wiedergabelisten und es ist auch nicht möglich irgendwelche Playlists zu erstellen oder zu bearbeiten. Auch bei der Wiedergabe erfolgt keine Anzeige eventuell vorhandener ID3-Tags, es wird immer nur der Dateinamen ausgegeben.

Aufnahme- und Hörtest: Sehr oft wird MP3-Playern nachgesagt, daß die Höhen zu scharf, die Bässe zu flach und die Mitten nicht transparent genug seien. Das mag stimmen und liegt vor allem an der Elektronik. Nachdem es sich beim Marantz PMD620 um ein broadcast-taugliches Gerät handelt ist man vor einer derartigen Klangqualiät zum Glück sicher. Die erzielbare Qualität bei der Aufnahme hängt entweder vom Mikrofon oder der Line-Quelle ab. Die A/D-Wandler und Vorverstärker des PMD620 sind sehr rauscharm und für die Preisklasse exzellent. Auch die integrierten Mikrofone sind, gemessen am Preis des Gerätes, ausgezeichnet. Das mir zur Verfügung stehende Equipment ist durchgängig tauglich um sendefähiges Material zu produzieren, natürlich muß gesagt werden, daß es immer etwas Besseres gibt mit dem man die Qualität hochschrauben kann. Gleiches gilt auch für die Wiedergabe von Audiodateien. Egal ob fremd hergestellte MP3 oder selbst aufgenommene Datei, der Marantz PMD620 liefert ein homogenes Klangbild mit satten Bässen, gut durchzeichneten Mittenbereichen und klaren Höhen, die nicht zu scharf ausfallen. Nimmt man eine qualitativ hochwertige Audio-CD über Line auf DAT und auf dem Marantz PMD620 auf, merkt man geringe Unterschiede. Die DAT-Aufzeichnung wirkt insgesamt noch ein wenig lebendiger und der Bassanteil ist etwas fülliger. Insgesamt sehr geringe Unterschiede, die sich bei einem Podcast oder auch bei sendefähigem Material nicht auswirken werden.

Fazit: Wer sich ein qualitativ hochwertiges Aufnahmegerät anschaffen will der sollte zu Solid-State-Recordern greifen. Das ist die Technik der Zukunft. Die Vorteile liegen klar auf der Hand: Aufnahmegeräte mit geringem Gewicht die eine sehr gute Aufzeichnungsqualität bieten und weil sie keine Mechanik haben wartungsfrei sind. Die Aufzeichnung auf gängigen Speichermedien wie der SD-Card ist mit etwa 10 Euro pro Gigabyte preiswert und die Speicherkarten sind überall verfügbar. Die Datenübertragung funktioniert dank USB 2.0 auch bei großen Datenmengen schnell und einfach. Kein Vergleich mit sperrigen Lösungen mit Echtzeitüberspielungen wie bei Minidisc-ATRAC oder DAT.

Was den Marantz PMD620 betrifft, war ich überrascht wie viel Aufnahmegerät man heute um rund 400 Euro bekommt. Der PMD620 ist, und das muß hier nochmals betont werden, verglichen mit vielen anderen Recordern, eine Budget-Lösung und man muß natürlich Kompromisse bei der Verarbeitung und Ausstattung des Gerätes machen. Dem Hersteller ist es aber gelungen ein sehr sympathisches, praxistaugliches  Aufnahmegerät zu entwickeln. Die Aufnahme- und Wiedergabequalität ist broadcastfähig. Das Gehäuse aus Kunststoff mit einer Aluminiumverkleidung an der Oberseite wirkt vielleicht nicht unbedingt auf eine Nutzungsdauer von 25+ Jahren ausgelegt, erfüllt aber seinen Zweck und die Ausstattungsliste enthält alles, was man unterwegs braucht. Eine gelungene Balance zwischen Qualität, Ausstattung und Preis ohne große Schwächen und daher uneingeschränkt empfehlenswert.

Ergänzung Jänner 2010: In der Zwischenzeit hat der Marantz PMD620 schon einige Betriebsstunden gesammelt. Etliche Livemitschnitte waren natürlich auch dabei, teilweise mit den integrierten Mikrofonen und solche, bei denen das noch immer vorhandene ECM-MS907 eingesetzt wurde. An der ersten Einschätzung der Praxistauglichkeit hat sich nichts geändert, der Recorder hat alle Einsätze tadellos bewältigt. Die Übertragung an einen Computer und die Nachbearbeitung haben sich zur Routine entwickelt, die Archivierung auf CD-ROM ebenfalls. Der Marantz PMD620 hat in der Zwischenzeit meinen Kenwood DMF-9020 MiniDisc-Recorder und meinen Sony DAT-Walkman abgelöst, traurig bin ich darüber aber gar nicht. Auch die Verarbeitung des Marantz PMD620 ist so weit in Ordnung, nach normaler Nutzung hat das Gehäuse kaum Gebrauchsspuren und insgesamt wirkt das Gerät noch immer ansehnlich und kann durchaus als neuwertig durchgehen. Keine Probleme habe ich übrigens mit den 3,5mm-Stereoklinken, die Buchsen funktionieren wie am ersten Tag.



Ergänzung Jänner 2015: Der PMD620 ist noch immer im Einsatz und das auch noch technisch völlig einwandfrei. Sogar das Äussere des kleinen Marantz ist noch immer ansehnlich. Alle Tasten haben noch ihre Beschriftungen, das OLED strahlt wie am ersten Tag und auch die als Achillesferse eingeschätzten 3,5mm-Stereoklinken sind robuster als erwartet. Bedingt durch die günstigen Preise kommen bei mir nur mehr 32GB-SDHC-Speicherkarten zum Einsatz. Aufgenommen wird jetzt ausschließlich im WAV-Format und damit hat sich auch die mitunter leblos wirkende Basswiedergabe bei MP3-Aufnahmen erledigt. Im Zeitalter von Lossless und FLAC sollte man MP3 als das sehen, was es immer schon ist, nämlich eine Kompromisslösung. Die WAV-Dateien des PMD620 kann ich ganz unproblematisch auf meinem iBasso DX50 wiedergeben, der seit November 2014 meinen Gerätepark ergänzt.