Nikon 35Ti und Nikon 28Ti
Auch die Nikon 35Ti und die Nikon 28Ti gehören zur Gattung der ausgestorbenen Edel-Kompaktkameras. Mit einem 35mm- bzw. 28mm-Festbrennweitenobjektiv, umfangreicher Ausstattung und Titangehäuse waren die beiden Kameras zu ihrer Zeit, Mitte der 1990er-Jahre, qualitativ hochwertig und nicht gerade billig. Das ist auch der Grund, warum beide Modelle in überschaubaren Stückzahlen produziert wurden und heute als Gebrauchtgeräte in gutem Zustand noch immer wertstabil sind. Für die leichter erhältliche Nikon 35Ti zahlt man zwischen 200 und 350 Euro, die wesentliche seltenere Nikon 28Ti bekommt man in gutem Zustand kaum unter 500 Euro. Gleich vorweg: Beide Kameras sind Alternativen zu einer Contax T2, Rollei 35 oder der Minox 35-Serie und liefern durchwegs Bilder höchster Qualität.

Besonders begehrt sind die Nikon 35Ti bzw. 28Ti wegen dem Nikon Analog Display System (NADS) auf der Kameraoberseite. Das ist ein System ähnlich einem Zifferblatt einer Uhr, bei dem ein Zeigersystem verschiedene Werte wie Entfernung, Blende, Belichtungskorrektur und Bildzählwerk anzeigt. Das NADS ist wirklich sinnvoll weil man die unterschiedlichen Werte auf einen Blick erkennt und es sieht fast spektakulär aus, wenn die Zeiger nach dem Antippen des Auslösers über die Skalen huschen. Man wird unwillkürlich an eine teure Schweizer Uhr erinnert und diese Assoziation macht die Kamera gefühlsmäßig noch hochwertiger, als sie schon ist. NADS war in der Konstruktion aufwendig und in der Produktion teurer als LC-Displays, deshalb blieb es nur den zwei Kameramodellen Nikon 35Ti und Nikon 28Ti vorbehalten.

Februar 2011 / überarbeitet Jänner 2012

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Das Bedienkonzept der Nikon 35Ti und 28Ti ist durchdacht und sehr einfach, auch wenn man für das Aufrufen einzelner Funktionen manchmal eine Taste drücken und zugleich das Wählrad drehen muß. Man ist damit zufrieden, denn die Tasten haben einen gut fühlbaren Druckpunkt und auch das Wählrad läßt eine präzise und zügige Bedienung zu. Insgesamt gesehen könnten die Tasten größer sein, aber das ist ein Manko vieler Kompaktkameras und eigentlich keine wirkliche Kritik. Vor allem das NADS mit seinen Zeigern ist eine sinnvolle Sache und man gewöhnt sich rasch daran, alle Daten auf einen Blick vor sich zu haben. Generell gesehen arbeitet man mit einer kleinen Kompaktkamera immer langsamer als mit einer Leica M oder einer Spiegelreflexkamera. Das geringere Volumen und Gewicht der Nikon 35Ti oder 28Ti erkauft man sich eben mit einer etwas langsameren Bedienung.

Stichwort Geschwindigkeit: Was mich an der Kameraelektronik meiner 35Ti wirklich stört ist die behäbige Reaktionszeit. Beim einschalten dauert es etwa eine halbe Sekunde bis die Kamera reagiert und das Objektiv auszufahren beginnt. Das Umschalten von Programmautomatik auf Zeitautomatik erfordert ebenfalls mindestens eine halbe Sekunde Nachdenkpause und noch mehr Zeit läßt sich die Kamera bei der Umschaltung von Zeitautomatik auf Programmautomatik. Da vergeht knapp eine Sekunde, bis die Elektronik reagiert. Wenn man die Kamera ausschaltet und sofort wieder einschaltet kann es sein, daß sie überhaupt nicht reagiert, denn auch da sollte etwa eine Sekunde vergehen, bevor man den Schalter wieder auf die Position P oder A dreht. Die von mir verwendete Nikon 35Ti hat diese Eigenschaft schon seit ich sie gebraucht gekauft habe und mir wurde gesagt, daß das kein Fehler sondern eine typische Eigenart sei. Sie wäre eben eine Kompaktkamera und da könne man nicht die Reaktionsgeschwindigkeit einer Spiegelreflex erwarten, auch wenn sich die Nikon 35Ti wie eine solche anfühlt.

Meine Nikon 28Ti ist schneller, sie reagiert bei der Umschaltung der Betriebsarten flotter, braucht weniger Nachdenkpausen und auch wenn man die Kamera ausschaltet und sofort wieder einschaltet ist das kein Problem. Nach langen Tests glaube ich auch den Grund für die unterschiedlichen Reaktionszeiten gefunden zu haben. Bei der Nikon 28Ti kann man das interne Blitzgerät mittels Schalter deaktivieren. Der Blitzkondensator wird erst dann geladen, wenn man den Schalter auf das Blitzsymbol schiebt. Bei der Nikon 35Ti wird der Blitzkondensator bei jedem Ein- bzw. Umschaltvorgang geladen, was Batterieleistung braucht und höchstwahrscheinlich die Kamera deshalb langsamer reagieren läßt.

Wie man schon der Einleitung entnehmen kann, unterscheiden sich die beiden Kameramodelle nur marginal, wobei die Objektive den größten Unterschied ausmachen, doch dazu später. In den 1990ern war es für alle Hersteller mit technologischem Führungsanspruch trendy eine Kompaktkamera mit der Qualität eines Spiegelreflexmodells anzubieten. Contax mit der T2 bzw. der TVs, Minolta mit der TC1 oder Leica mit der Minilux zählten damals zu den Mitbewerbern bei feinen Kompaktkameras und wie es scheint hatte Nikon damals das ambitionierte Vorhaben die perfekteste Kompakte auf den Markt zu bringen. Die Konstrukteure durften aus dem Vollen schöpfen und alles verbauen, was zur damaligen Zeit gut und teuer war. Das war auch gut so, denn heute profitiert man von den hochwertigen Materialien und der perfekten Verarbeitung.

Schon der Blick in den Sucher ist bei den Nikon Ti-Modellen gut für Überraschungen. Obwohl das Okular wie bei fast allen Kompaktkameras zu klein ist, bietet der Sucher den Komfort einer ausgewachsenen Kamera. Mittels LC-Technologie werden unterschiedliche Informationen eingeblendet. Das beginnt beim Formatrahmen, der in Abhängigkeit von der ermittelten Entfernung auch den Parallaxenausgleich berücksichtigt und geht weiter über die Anzeige der Verschlußzeit oder wahlweise auch der Blende. Daneben gibt es noch Informationen zum eingestellten Belichtungsmeßsystem und zur Blitzbereitschaft. Weil die Anzeigen bei Tageslicht zwar gut zu sehen sind, aber die Lesbarkeit bei Dunkelheit sehr zu wünschen übrig läßt, wird in diesem Fall automatisch eine rote Beleuchtung zugeschaltet. Insgesamt eine brauchbare und durchdachte Lösung, die bis auf das zu kleine Okular völlig kritiklos bleibt.

Eine andere Sache ist die Panoramafunktion. Wie bei vielen anderen Kompaktkameras besteht diese Funktion aus zwei Blenden im Filmfenster, die bei der Aufnahme oben und unten am Negativ einen Teil abdecken und damit ein „Panorama" in der Größe von ca. 13x36mm am Negativ übrig lassen. Gut gemeint, aber in der Praxis nicht zu gebrauchen, vor allem wenn man schon eine Hasselblad XPan in der Hand gehabt oder mit Digitalkamera-Panoramas experimentiert hat. Ehrlich gesagt würde der Nikon 35Ti bzw. der 28Ti (und auch allen anderen Kameras mit diesem System) nichts fehlen, wenn die Panoramafunktion nicht vorhanden wäre.

Kommen wir zu den optischen Leistungen der kleinen Nikons. Da bietet die 35Ti einen Klassiker, nämlich ein Tessar-Typ-Objektiv mit 6 Linsen in 4 Gruppen, eine Brennweite von 35mm und eine Anfangslichtstärke von 1:2,8. Wer optische Höchstleistungen dieser konservativen Konstruktion erwartet, liegt völlig richtig. Zwar ist bei meiner Kamera bei ganz geöffneter Blende manchmal eine Randunschärfe sichtbar, die verschwindet aber ab Blende 4,0 völlig und da beginnt auch jener Blendenbereich, in dem die Optik ihre Höchstleistung bringt. Bei meiner Nikon 35Ti verwende ich wenn es geht den Bereich zwischen 4,0 und 8,0, denn da ist die Bildschärfe auf einem Niveau einer Leica-M-Optik. Auch das Bokeh des Objektivs ist für eine Kompaktkamera ausgezeichnet, aber wie schon gesagt sollte man eine ganz geöffnete Blende vermeiden. Eine halbe Blendenstufe abblenden ist gut gegen Randunschärfe ohne das Bokeh zu zerstören. Über das Objektiv der Nikon 28Ti gibt es wenig Details. Über den optischen Aufbau habe ich nur eine verschwommene Grafik gefunden. Sicher ist aber, daß das Objektiv 7 Elemente in 5 Gruppen enthält, eine rectilineare non-retrofokale Konstruktion mit ED-Glas und spezieller Nikon-Mehrschichtvergütung ist. Die Blende liegt innerhalb des optischen Systems, hat sieben Lamellen und ist fast kreisrund, was auch bei diesem Objektiv dem Bokeh zugute kommt. Das Objektiv meiner Nikon 28Ti ist auch bei offener Blende bis in den letzten Bildrand knackig scharf, im Gegensatz zum Objektiv der Nikon 35Ti ist es aber anfälliger auf Streulicht. Beide Objektive sind nicht ganz frei von Vignettierung und gegen dieses Phänomen hilft auch das Schließen der Blende nicht wirklich. Im Zeitalter der Digitalisierung bringt nur die Nachbehandlung der gescannten Negative mit einem Bildbearbeitungsprogramm wie Adobe Photoshop eine brauchbare Lösung, mit der man allerdings gut leben kann. Man definiert sich einfach eine Photoshop-Aktion und behandelt die gescannten Negative damit. Wer noch in der Dunkelkammer Negative auf konventionelle Weise vergrößert tut gut daran die Randbereiche ein wenig abzuwedeln und dann ist Vignettierung auch da kein Thema mehr.

Was mir an Nikon 35Ti und 28Ti besonders gefällt ist das eingebaute Blitzgerät. Erstens ist es gut, daß es einen eingebauten Blitz gibt. Zweitens ist es besser, wenn dieser Blitz auch noch zur Zufriedenheit funktioniert. Die Elektronik schafft es bei Negativfilm fast immer, daß Umgebungslicht und Blitzlicht gut ausbalanciert sind und die allgemeine Lichtstimmung gut erhalten bleibt. So ein ausgeklügeltes System gab es in den 1990ern nicht einmal im Nikon-Spiegelreflexsystem und bei so einer kompakten Kamera ist die Leistung mehr als zufriedenstellend. Bei der Nikon 35Ti werden die Blitzlichtfunktionen mit zwei Tasten gesteuert, was etwas mühsam ist. Bei der Nikon 28Ti wurden im Sinne der Modellpflege die Tasten gegen einen Schiebeschalter mit drei Positionen ersetzt, was der Bedienbarkeit extrem zugute kommt und die Kamera aufwertet. Bei beiden Modellen arbeiten Belichtungsmessung und Autofokus nach dem antippen des Auslösers verzögerungsfrei und präzise. Probleme mit dem Autofokus sind weitgehend unbekannt, erst wenn man z.B. auf eine monochrome Wand scharf einstellen will, stößt man an dessen Grenzen. Die Belichtungsmessung mit Mehrzonen-Matrix-Messung arbeitet bei Negativmaterial ganz ausgezeichnet und berechenbar. Um fehlbelichtete Aufnahmen zu erhalten muß man sich ganz schön anstrengen, denn das Meßsystem kommt auch mit schwierigen Lichtverhältnissen klar. Es müßte auch gut für Diafilm geeignet sein, ich selbst habe aber weder in meiner Nikon 35Ti noch in der Nikon 28Ti Diafilm verwendet, daher gibt es keine Erfahrungswerte dazu.

Downloads:

Nikon 35Ti Instruction Manual
Eine fast komplette Bedienungsanleitung der Nikon 35Ti in englischer Sprache, paßt weitgehend natürlich auch zur Nikon 28Ti
ca. 6MB Größe - Copyright Nikon Corporation

Nikon 35Ti Repair Manual
Die Nikon Reparaturanleitung zur Nikon 35Ti. Use at your own risk!
ca. 5MB Größe - Copyright Nikon Corporation


Die Nutzung der beiden Dokumente darf nur gemäß den Vorgaben des Urheberrechtsinhabers (Nikon Corp.) erfolgen.

Die Nikon 35Ti wurde von 1993 bis 1998 produziert, die Nikon 28Ti von 1994 bis 1998. Danach wurde die Produktion ohne Nachfolgemodell eingestellt, denn scheinbar war der begrenzte Markt für High-End-Kompaktkameras gesättigt. Über die Produktionszahlen gibt es keine Informationen, es dürfte aber so sein, daß das Verhältnis von Nikon 35Ti zu Nikon 28Ti in etwa 4:1 beträgt. Drei ausgelieferten Nikon 35Ti steht eine ausgelieferte Nikon 28Ti gegenüber, was einen höheren Gebrauchtpreis erklärt. Vielfach werden Nikon 28Ti in der Vitrine gehortet, was der Verfügbarkeit am Gebrauchtmarkt nicht gut tut. An eine gut erhaltene Nikon 35Ti kommt man viel leichter heran als an eine Nikon 28Ti, denn wer diese Kamera besitzt, gibt sie in der Regel nicht mehr her.

Fazit: Wahrscheinlich die Luxus-Kompaktkameras mit dem besten Feeling und dem tollsten Display für die verschiedenen Einstellungen. Goodies wie Matrix-Messung und eine hervorragende Blitzlichtsteuerung sind inklusive, ebenso eine Datenrückwand zur Einbelichtung von Datum und Uhrzeit. So etwas mußte man bei allen Konkurrenzmodellen für teueres Geld nachrüsten, bei Nikon 35Ti und 28Ti war die Datenrückwand im Ausstattungspaket serienmäßig dabei. Die Kameras sind nicht nur ausgestattet, sie greifen sich auch so gut wie eine Leica-M an und sind dabei nur wenig größer als eine Rollei 35. Wenn man eine Ahnung von Fotografie hat, ist die Nikon 35Ti oder die seltenere Nikon 28Ti ganz sicher ein Tipp und man bringt mit Garantie tolle Fotos nach Hause. Sehr gut geeignet für Farbnegativ- und bestens geeignet für schwarzweiß-Film, schon wegen der lichtstarken Objektive und dem schönen Bokeh.

Plus:

- Hochwertige Verarbeitung

- NADS-Zeiger-Display ist praktisch und hübsch

- Komplette Ausstattung inklusive Datenrückwand

- Mehrfeld-/Matrix-Belichtungsmessung

- Tolle Blitzlichtsteuerung



Minus:

- Zu kleiner Sucher

- Zu kleine Tasten
NADS: Das Nikon Analog Display System gab es nur in der Nikon 35Ti und in der Nikon 28Ti. Ein übersichtliches und praktisches Zeigersystem läßt auf einen Blick die wichtigsten Parameter erkennen.
Ideal für Linkshänder: Mit den drei kleinen Tasten steuert man die Blitzfunktionen: erzwungener Blitz, unterdrückter Blitz und Rote-Augen-Reduktion können wahlweise aktiviert oder abgeschaltet werden. Bei der Nikon 28Ti wurden die beiden Tasten durch einen praktischen Schiebeschalter mit drei Positionen ersetzt.
Die serienmäßige Datenrückwand der Nikon 35Ti wird über die zwei Tasten MODE und SET an der Kamerarückwand eingestellt. Das dazugehörige LC-Display befindet sich darüber auf der Oberseite der Kamera. Ganz praktisch sind die zwei kleinen Tasten und das kleine LCD-Feld aber nicht.
Nikon 35Ti mit Fujifilm Superia 200, Scan mit Fujifilm Frontier 350 (SP2000) - aufgenommen mit Programmautomatik und Autofokus ohne manuellen Eingriff:  Ein sonniger Wintertag mit hartem Licht als Test für Objektiv und Belichtungsmessung. Wie man an den beiden Ausschnitten unten sehen kann, ist das Objektiv der Nikon 35Ti bei der Bildschärfe ausgezeichnet. Bei Blende 8 gibt es keinen sichtbaren Unterschied vom Bildrand zur Bildmitte. Auf der Gesamtaufnahme oben ist allerdings eine leichte Vignettierung zu erkennen.

Gutes Filmmaterial vorausgesetzt sind auch große Schattenpartien wie an diesem Wintertag für die Kamera kein Problem. Das Objektiv und die Belichtungsmessung kommen damit sehr gut zurecht.

Fotogalerie Steinbruch Lindabrunn: Brennweitenvergleich Nikon 35Ti mit Nikon 28Ti

Die Nikon 35Ti und die Nikon 28Ti unterscheiden sich bei den Bedienelementen nur durch die Blitzsteuerung mittels Tasten bzw. Schiebeschalter und die Gehäusefarbe. Das Modell 35Ti hat es nur mit dem hellen Titangehäuse gegeben, die 28Ti war nur im schwarzen Titangehäuse zu haben.