Philips P546G Thyristor CL-X Stabblitzgerät
Der niederländische Philips-Konzern hat früher auch Fotogeräte hergestellt. Die nach der additiven Farbmischung arbeitenden Fotovergrößerer sind weithin bekannt, waren aber irgendwie Exoten, weil einzigartig in ihrer Konstruktion. Selbiges gilt für die paar „großen“ Stabblitzgeräte von Philips, die verglichen mit anderen Herstellern in relativ bescheidenen Stückzahlen verkauft wurden. 

Der Philips Professional 46 P546G ist so ein Exote und nebenbei ein typisches Stabblitzgerät aus den späten 1970er- bzw. frühen 1980er-Jahren. Er war sicher kein Billiggerät, denn die Ausstattungsliste enthält alles, was damals Stand der Technik war. Ein neig- und schwenkbarer Reflektor mit Umschaltung für Weitwinkel-, Normal- und Telebrennweite war eine Selbstverständlichkeit. Die manuelle Einstellung mit Leistungsregelung von 1/1 bis 1/64, eine Thyristor-Lichtmengensteuerung für automatische Blitzbelichtung über eine Meßzelle sowie eine Philips-eigene TTL-Steuerung für verschiedene Systemkameras ebenso. Genaue Details zu diesem Blitzgerät sind im Internet leider nicht verfügbar, aus anderer Quelle wurde mir berichtet, dass das aus der Zeit vor dem SCA-TTL-Blitzsystem stammende Philips Gerät an Kameras von Nikon, Canon, Olympus, Minolta und Pentax adaptierbar gewesen sein soll. Kameraseitig war ein entsprechendes Aufsteckmodul erforderlich, welches über ein mehrpoliges Kabel mit dem P546G verbunden wurde. Ich besitze kein derartiges Modul, sondern nur das normale Auslösekabel. Schließt man aus der Typenbezeichnung P546G auf die Leistung, dann sollte das Stabblitzgerät Leitzahl 46 (bei ISO 100) haben. Ein Vergleich mit einem Metz 45 hat das auch bestätigt, beide Blitzgeräte haben in etwa die gleiche Leistung.
Das Gehäuse sieht aus, als wäre ein Handgriff an ein Aufsteckblitzgerät angeschraubt worden.
Das Gehäuse ist im gerade wieder bei Fotogeräten modernen Siebziger-Jahre-Futurismus gehalten und aus dem für Philips damals üblichen schwarzen Kunststoff geformt. Der Stabblitz sieht wie ein Aufsteckblitz aus, an dem ein Handgriff angebaut wurde. Dem Geschmack der Zeit entsprechend ist das Design eher kantig, wobei man die Kameraschiene bei Nichtbenützung relativ elegant an den Stabblitz anschrauben kann. Diese Lösung ist durchdacht und sogar besser als bei fast allen Metz-Blitzgeräten. Insgesamt haben das Gehäuse, die Blitzschiene und die Bedienelemente auch nach vielen Jahren noch eine qualitativ hochwertige Anmutung und auch das Bedienkonzept überzeugt. Man kennt sich auch ohne Bedienungsanleitung sofort aus.
Ein aufgeräumtes Bedienfeld, kein LC-Display und eine Filmempfindlichkeitseinstellung nur bis 400 ISO, die hier noch als ASA angegeben sind.
Der P546G besitzt sechs Bedienelemente und drei LED-Anzeigen, über die sämtliche Einstellungen vorgenommen und alle Betriebszustände angezeigt werden, ein LC-Display sucht man vergebens. Die Lichtempfindlichkeitsanzeige mit LED-Anzeige der einzustellenden Blende, die auf Weitwinkel-, Normal- bzw. Telebrennweiten abstimmbare Entfernungsskala, der Leistungsregler und der Testblitzauslöser sind selbsterklärend. Der Professional 46 hat aber ein paar sinnvolle Details, wie die ESS-Anzeige oder eine intelligente Standby-Funktion. Die ESS-Anzeige ist nichts anderes als ein dreistufiger LED-Indikator, der den Aufladezustand des Blitzkondensators anzeigt. Halbe, dreiviertel und volle Aufladung des Kondensators wird angezeigt, wobei sich das Blitzgerät auch dann auslösen lässt, wenn der Kondensator noch nicht seine volle Ladung erreicht hat und eine eventuelle Unterbelichtung des Bildes inbegriffen sein kann. ESS ist eine hilfreiche Anzeige, wenn der Blitz möglichst schnell hintereinander mit Vollleistung abgefeuert werden soll. Eine zweite Funktion hat ESS aber auch und dabei geht es um eine Standby-Funktion, die den Batterien oder Akkus zu einer möglichst langen Einsatzzeit verhelfen soll. Wird das Blitzgerät einige Minuten nicht benützt, schaltet die Elektronik in einen Schlafmodus, in dem der Kondensator nicht mehr kontinuierlich nachgeladen wird. Die ESS-Anzeige informiert dann, wie weit der Blitzkondensator schon entladen ist. Aus dem Standby-Modus weckt man den P546G durch einen kurzen Druck auf den Ein-/Aus-Schalter und nach etwa drei Sekunden ist das Gerät wieder voll einsatzbereit.
Mit einem komibinierten Schiebe-/Druckschalter wird der Stabblitz eingeschaltet. Ein zweiter Schalter dient zur Auswahl der Betriebsart
Manuell/Automatik/TTL und mit dem dritten Schalter wählt man die Automatik-/Computerblende bzw. die Blitzleistung. Einfacher gehts nicht.
Der schwenkbare Reflektor ist in nahezu alle Richtungen verstellbar und kann auf verschiedene Brennweiten (28mm/50mm/135mm bei Kleinbild) angepasst werden. Dazu muss lediglich die integrierte Diffusorscheibe vor dem Reflektor verstellt werden. Die Konstruktion ist praktisch und durchdacht, weil man sich nicht um irgendwelche Zubehörteile kümmern muss. Geliefert wurde der P546G auch mit einem Satz Farbfilter, die man durch einen Schlitz vor den Reflektor schieben kann. Damit konnte man das Blitzlicht für verschiedene Effekte einfärben. An „undokumentierten“ Features gibt es an der linken Seite des Blitzgerätes eine dreipolige Buchse, die wohl als Anschluss für eine externe Stromversorgung ausgelegt ist. Eine Belegung ist nicht bekannt und nachdem es sich um eine Philips-eigene Steckverbindung handelt, habe ich mich auch nicht näher damit beschäftigt als ich das Blitzgerät geöffnet hatte.
Schwenkreflektor mit der Möglichkeit Farbfilterscheiben an der Seite einzuschieben. Die große silberfarbige Schraube auf der linken Geräteseite fixiert die Andruckfeder für die Rastung des Schwenkreflektors im Gehäuseinneren. Das ist optisch nicht besonders schön, funktional aber einwandfrei und dauerstabil.
Den P546G habe ich geschenkt bekommen und damit genau null Euro in seine Anschaffung investiert. Eine erste Überprüfung ergab: ein wenig angestaubt, das Gehäuse mit nur geringen Gebrauchsspuren, alle erforderlichen Zubehörteile inklusive Auslösekabel vorhanden und ein sauberer Batteriekasten ohne ausgelaufene Batterien oder korrodierte Kontakte. Mit leistungsfähigen MN-1500-Akkus bestückt, hat das Ding sogar das getan, was es tun sollte, nämlich ordentlich geblitzt.

Zwei Kleinigkeiten sind mir bei einem umfangreicheren Test nach einer gründlichen Reinigung aber dann doch aufgefallen. Wenn man auf den Stabblitz klopft oder das Gerät auch nur leicht schüttelt, dann wird ein Blitz ausgelöst. Die vertikale Rastung des Schwenkreflektors ist extrem leichtgängig und verstellt sich fast von selbst. Funktionsfähige elektronische Geräte zu entsorgen ist meine Sache nicht, vor allem wenn das Gerät noch sinnvoll verwendet werden kann und so habe ich mich auf Fehlersuche begeben. Beide Probleme haben sich einfach lösen lassen. Das unkontrollierte Blitzen lag daran, dass eine Kontakthalterung des Testblitzauslösers im Geräteinneren zerbröselt war. Der lose Metallkontakt hat dann bei der geringsten Bewegung den Testblitzauslöser kurzgeschlossen und den Blitz ausgelöst. Mit Pattex Stabilit geklebt hält der Kontakt wieder wie er soll und der P546G blitzt nur mehr dann, wenn er über das Synchronkabel ausgelöst wird oder die Taste „Test“ gedrückt wird.
Die Kameraschiene kann bei Nichtbenützung fest am Stabblitz angeschraubt werden - eine elegante Lösung verglichen mit ähnlichen Produkten anderer Hersteller.
Der leichtgängige Schwenkreflektor hatte ebenfalls einen zerbröselten Kunststoffteil als Ursache. Die Andruckfeder hatte deshalb nicht mehr genügend Anpressdruck und der Reflektor hat sich dadurch fast von selbst bewegen können. Nachdem die Kunststoffnase praktisch zu Staub zerfallen war, konnte nur mehr eine eingedrehte Schraube als Federspanner den Reflektor wieder etwas schwergängiger machen. Die Lösung gewinnt zwar keinen Schönheitspreis, ist aber haltbar und technisch einwandfrei. Nach diesen Reparaturen funktioniert der Stabblitz wieder wie am ersten Tag.

An dieser Stelle noch ein Hinweis: Blitzgeräte enthalten einen oder mehrere Kondensatoren zur Energiespeicherung. Der Spannungsbereich dieser Kondensatoren bewegt sich bei batteriebetriebenen Blitzgeräten zwischen 200 und 350 Volt, bei Studioblitzgeräten bis zu 800 Volt oder höher, je nach Typ und Generation des Blitzgerätes. Die Kondensatoren behalten ihre Ladung auch dann, wenn sie von der Ladespannung getrennt werden, und sind erst nach Tagen, manchmal nach Wochen so weit entladen, dass man gefahrlos damit hantieren kann. Üblicherweise werden Blitzkondensatoren vor einer Reparatur über Hochlastwiderstände entladen. Nachdem man zu Hause diese Möglichkeit nicht hat, gebe ich hier keine Informationen dazu, wie man den P546G zerlegt bzw. an die Blitzkondensatoren herankommt, denn ich will nicht, dass jemand zu Schaden kommt. Im Inneren des Philips P546G findet übrigens sich der übliche „70er-Jahre-Drahtverhau“ bei dem die einzelnen PCBs noch mit vielen einzelnen Drähten untereinander verbunden wurden. Insgesamt eine übersichtliche Elektronik, noch nicht sehr hoch integriert, dafür aber relativ einfach zu reparieren, wenn man einen passenden Schaltplan hat und die vielen Verbindungskabel auseinanderhalten kann.

Stichwort Elektronik: Bevor man alte Elektronenblitzgeräte an aktuelle Kameras anschließt, sollte man sich Gedanken um die sogenannte Zündhilfsspannung machen. Das ist jene Spannung, die am Synchron-(Auslöse-)kabel anliegt und welche die Blitzröhre braucht um einen Lichtblitz abzugeben. Bei alten Blitzgeräten gibt es etliche, bei denen diese Spannung 50 Volt oder mehr beträgt. Das ist für moderne Kameras zu viel. Als Faustregel gilt, daß bei 20 Volt Schluss ist. Mehr sollte man keiner aktuellen Kamera zumuten, weil es sonst unter Umständen zu Problemen mit der Kameraelektronik kommt. Beim Philips P546G liegt die Zündhilfsspannung bei etwa 4 Volt und damit im sicheren Bereich. Vermutlich ist die Möglichkeit zur TTL-Steuerung der Grund für das moderne Layout der Elektronik inklusive geringer Zündhilfsspannung.

Proprietärer Anschluß für das Auslösekabel oder ein Philips-spezifisches TTL-Modul.                                                                         Auslösekabel mit mehrpoligem Stecker.
Einen leistungsfähigen Stabblitz wie den Philips P546G kann man auch heute noch gut verwenden, denn er ist u. a. eine gute Ergänzung zu einem Kamera-Systemblitz. Für das Aufhellen großer Räume reicht die Leistung völlig aus, wobei das Hauptlicht der Systemblitz an der Kamera bleibt. Ausgelöst wird der Stabblitz über eine simple Fotozelle am Synchronkabel. Moderne TTL-Systeme schaffen es fast immer das zusätzliche Licht in die Messung einzuberechnen. Damit ist in fast jeder (Licht-) Situation eine richtige Belichtung garantiert und man spart sich die meistens sehr teure Anschaffung eines zweiten Systemblitzgerätes. Wenn es ausschließlich um Blitzreichweite geht, ist es ebenfalls möglich einen Systemblitz und den P546G zusammen zu verwenden. Und wer auf TTL-Steuerung verzichtet, kann den Philips-Stabblitz als Computerblitzgerät verwenden und erspart sich ein teures Systemblitzgerät. Für gelegentliche Blitzlichtfotografie ist das wahrscheinlich die preiswerteste Lösung, auch wenn sie etwas weniger komfortabel ist.


Fazit: Wenn man nichts oder nur ein paar Euro für ein einwandfreies Exemplar bezahlt, dann hat ein Stabblitz wie der Philips PG645G immer noch seine Einsatzgebiete und damit seine Existenzberechtigung. Leistung gratis oder zum Minimaltarif, vor allem wenn man ein Blitzgerät nur sporadisch einsetzt ist so eine Lösung auch heute noch durchaus brauchbar.
Pro:

- Mit Leitzahl 46 (ISO 100) ausreichende Leistung

- gut ausgestattetes Gerät mit einfacher Bedienung

- Auch ohne Bedienungsanleitung durchschaubar

- Robustes Gehäuse und qualitativ hochwertige Elektronik
Contra:

- Keine Information im Internet verfügbar

- Keine Betriebsanleitung mehr auffindbar (auch nicht im Internet)

- Keine Reparaturmöglichkeit und keine Ersatzteile beschaffbar

- Philips-eigenes TTL-Blitzsystem, kein SCA-System
Mai 2014



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