Die Rolleicord Vb & Kodak T-Max 400 Minigalerie
Die Rolleicord Vb mag ja eine alte Kamera sein und das einschichtvergütete vierlinsige Schneider Kreuznach Xenar mit einer Anfangslichstärke von 1:3.5 hat wahrscheinlich nicht extrem viele Freunde. Planar und Lichtstärke 2.8 klingen erst einmal besser, aber wie so oft sind in der Realität die Unterschiede manchmal gering und rechtfertigen möglicherweise die exorbitanten Preisunterschiede zwischen einer gebrauchten Rolleicord und einer Planar-Rolleiflex nicht. Ich bin immer für Alternativen zum gängigen Mainstream zu haben und versuche nicht auf jeden Hype hereinzufallen. Bei der Rolleicord Vb bin ich mittlerweile überzeugt, dass sie keinesfalls das arme Leute Modell der Rolleiflex ist. Im Jänner und Februar 2024 habe ich die "Cord" immer im Auto dabei gehabt und unverhofft ein paar interessante Bilder gemacht. 
Im Jänner 2024 hat es meine Frau und mich an einem Wochende an den Neusiedlersee verschlagen. Trotz eisiger -10°C haben wir einen sehr langen Spaziergang unternommen und ich habe in der Abenddämmerung den Sonnenuntergang auf Schwarzweiß-Film gebannt. Die Rolleicord Vb hat auf die niedrige Temperatur überhaupt nicht reagiert. Alles war völlig funktional wie immer, keine Probleme mit dem Verschluß oder mit fest gewordener Mechanik. Und das bei einer siebenundvierzig Jahre alten Kamera.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Kodak T-Max 400 gehört für mich zum Besten, was man an Schwarzweiß-Film in eine Kamera einlegen kann. So ähnlich schaut das beim Fujifilm Neopan Acros II und einigen Filmen von Ilford aus. Natürlich wissen das die Hersteller und knöpfen uns Fotografen ziemlich viel Geld für diese Filme ab.  Die beiden mittleren Bilder stammen von völlig gleich belichteten Negativen, die ich innerhalb einer halben Minute angefertigt habe. Sie zeigen, dass man nach Belichtung, Entwicklung und Scan noch immer die völlige Freihet über den Helligkeits- und Kontrastverlauf hat (Feininger grüßt!). Meine Wahl ist das obere der Bilder, wobei in der Nachbearbeitung auch das untere Bild so getrimmt werden kann, dass überall Zeichnung zu sehen ist.

Der Tag geht und die Dunkelheit kommt. Im Jänner ist das am Neusiedlersee knapp vor siebzehn Uhr der Fall. Die letzten Minuten bevor die Sonne hinter dem Leithagebirge verschwindet habe ich und dankenswerter-weise auch meine Frau auf der Mole beim Leuchtturm ausgeharrt und ich habe eine halbe Rolle T-Max 400 verschossen. Mit dem großen 6x6-Format und dem schnelle Film kann man die Belichtung ganz exakt legen. Die Rolleicord Vb nötigt zur Verwendung eines Handbelichtungsmessers und wer damit umgehen kann, legt die Belichtung so, dass er Negative bekommt, die überall Zeichnung haben. Und wenn es sich der Fotograf dann bei der Bildgestaltung doch noch anders überlegt, hat der TMY genügend Reserven für die Änderungen. So soll es sein!

Was man an den ersten vier Bildern dieser Seite noch sehen kann ist, dass das alte Xenar auch heute noch eine hervorragende Leistung bringt. Starkes Gegenlicht und schwierige Kontrastverhältnisse sind kein Problem. Für mich ist dieses Objektiv bei Schwarzweiß-Film sehr viel besser als bei Farbfilm. Das Leuchtturmbild habe ich bewußt so gestaltet, dass es eine gefällige Grauabstufung hat. Der Steg und die Personen sollen erkennbar sein, da nehme ich die objektivbedingte Kontrastminderung rund um die untergehende Sonne gerne in Kauf. Diese Aufnahme "auf Silhouette belichtet" würde weniger gut aussehen. 

Einen 400er-Film kann man auch bei hellem Licht verwenden. Im Febraur 2024 habe ich zufällig noch die Gelegenheit gehabt den Bahnhof Mariazell wenige Tage vor dem Beginn der Umbau- und Renovierungsarbeiten zu fotografieren. Am späten Nachmittag bei tief stehender Sonne ist das mit einer Rolleicord Vb und dem T-Max 400 eine Kleinigkeit. Man kann das Objektiv auf f8.0 oder f11 abblenden und erreicht die maximale Abbildungsleistung. Hier zeigt auch das Mittelformat bei höherempfindlichen Filmen seine Vorteile. Das Filmkorn ist kein Thema - zumindest nicht bei einer Entwicklung im Wehner-Entwickler - und man bekommt bei viel oder wenig Licht so viele Graustufen, wie man mag.
Im Vergleich zum Kleinbildformat hat der Rollfilm 120  einiges mehr an Reserven. Mit einer mehr als drei Mal so großen Fläche können mehr Details aufgezeichnet werden. Das auch beim TMY vorhandene Filmkorn wirkt sich auf der großen Fläche nur mehr gering aus und das Objektiv ist immerhin so gut, dass es die Schrift auf dem Informationsschild gut lesbar auflöst. Auf dem Negativ oder einem Abzug kann man nicht nur die Überschrift, sondern auch den klein geschriebenen Text bequem erkennen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Leichte Ausschnitte vom 6x6-Negativ sind machbar und zwar ohne qualitativ viel darüber nachdenken zu müssen. Stürzende Linien kann man bei einem Normalobjektiv gut unter Kontrolle halten und wenn es sein muß auch elektronisch so weit entzerren, dass sie nicht mehr stören.

Alle Bilder auf dieser Seite entstanden mit Rolleicord Vb, Kodak T-Max 400, Wehner-Entwickler, gescannt wurden alle Negative mit einem Epson Expression 1680Pro. Die Scans sind weitgehend unbearbeitet und wurden nur auf eine Webauflösung reduziert.

Zum Bahnhof Mariazell: Das Gebäude wurde 1907 erbaut und die letzten Male laut einigen Quellen in den 1960ern und Anfang der 1970er-Jahre saniert. In den 1980er-Jahren war der Bestand der Mariazellerbahn nicht gesichert und die Erhaltung hat sich auf notwendige Arbeiten beschränkt. Ab den 1990er-Jahren ist wieder mehr in die Erhaltung investiert worden, weil auch die Bedeutung der Mariazellerbahn stark gestiegen ist. Im Jahr 2024 erfolgt die Renovierung und der Umbau, weil Erdbahnsteige und Sanitärräume nicht barrierefrei sind und den jährlich über 700.000 Passagieren ein zeitgemäßer Komfort am Endbahnhof Mariazell geboten werden soll. Die Mariazellerbahn bei Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Mariazellerbahn