Topico 2 Way Camera: Maximaler Minimalismus
Ich darf hier eine Kamera vorstellen, die so Low-End ist, dass man schon gar nichts mehr weglassen kann. Das als Topico 2 Way Camera, Topico Super, Topico Minitop 2 Way-Camera und Topico PR-935 angebotene fotografische Aufnahmegerät glänzt durch absoluten Minimalismus. Weniger Ausstattung wäre dann schon eine Lochkamera, denn die 2 Way Camera hat keine Elektronik, sie hat fast kein Objektiv und auch fast keinen Verschluss, verzichtet auf eine Blende und natürlich auch auf einen Belichtungsmesser. Dafür hat sie einen Mittenkontakt für Blitzgeräte und fast zwei Aufnahmeformate. Einmal das Standardformat 24x36mm und dann noch ein Panoramaformat mit 18x36mm. Ich schreibe "fast zwei Aufnahmeformate", weil das Panoramaformat nur eine Beschneidung des Vollformates ist, die durch das Einschwenken von zwei Plastikblenden oben und unten im Bildfeld erreicht wird. So etwas hat es in den 1990ern bei vielen Kompaktkameras gegeben und es war damals schon Nonsens.

Warum ich mich länger mit der Topico 2 Way Camera beschäftigt habe, hat einen einzigen Grund: Obwohl sie so einfach konstruiert ist, macht sie erstaunlich gute Fotos. Ein Grund dafür ist das höchstwahrscheinlich einlinsige Weitwinkelobjektiv. Ich kann nicht genau erkennen, ob sich hinter der Frontlinse aus echtem Plastik noch eine weitere Linse - möglicherweise auch aus echtem Plastik -  verbirgt, die das optische System mit ihren Korrekturen oder Fehlern bereichert. Nachdem es sich um ein Weitwinkelobjektiv mit 28mm Brennweite und fixer Blende f9.6 (wie behauptet wird), f11 oder f16  handelt, gelingen scharfe Bilder im Bereich von zwei Meter bis unendlich. Das würde man so einer Kamera gar nicht zutrauen. Ein wenig einschränken muss ich die Aussagen zur Bildqualität aber schon. Die 2 Way Camera braucht Licht im Rücken. Auf seitliches Licht oder Gegenlicht reagiert das Objektiv sehr sensibel und das Bild wird flau und bekommt matte Farben. Vignettierung ist ebenfalls ein unübersehbares Thema. Sie tritt auf jedem Bild und bei allen Lichtverhältnissen auf. Bei Seiten- und Gegenlicht ist sie stärker als bei Licht im Rücken. Je nach Einstrahlwinkel der Sonne kann die Abschattung sehr ausgeprägt ausfallen und die Bildränder stark abdunkeln. Die äußersten Bildecken können sich dann fast schwarz färben. Wird die Farbqualität nicht durch Vignettierung oder geringen Kontrast gemindert, liefert die Plastiklinse satte Farben mit einer ins gelbliche tendierenden Farbabstimmung. Kurz zusammengefasst sind die Ergebnisse, wenn man die einfache Konstruktion von Kamera und Objektiv in Betracht zieht, gar nicht mal so schlecht.
Über die Fertigungsqualität eines "Plastikbombers" könnte man trefflich philosophieren. Ich halte mich da lieber an Fakten. Bei dieser Kamera ist fast alles aus Plastik und man glaubt es kaum, die Kamera funktioniert recht gut. Obwohl sie keine Lichtdichtungen hat, gibt es keine Lichtlecks, man kann die Kamera mit dem Objektiv minutenlang in Richtung der Sonne halten und der Verschluss lässt tatsächlich kein Licht durch. Die Schaumgummiabdichtung beim Filmfenster hält nach zwanzig oder mehr Jahren noch immer das Licht draußen. Die Transportmechanik ist auch aus Kunststoff. Sie funktioniert fehlerlos und die Abstände zwischen den Bildern sind mit geringen Variationen gleich groß. Auch das Bildzählwerk verrichtet seinen Dienst wie es sich gehört. Meine Topico 2 Way Camera habe ich nicht beim TV-Homeshopping-Kanal für drei kleine Raten zu je 49,99 Euro erstanden und ich habe sie auch nicht aus der elektronischen Bucht mit den höchst seltenen Schnäppchen. Die hier präsentierte Topico 2 Way Camera ist mir sozusagen zugelaufen, weil ich sie in einem Karton mit alten Kameras gefunden habe, in den sie achtlos hineingeworfen wurde. Davon stammen auch die paar Schrammen an der Vorderseite, die einer echten und originalen Topico aber nichts anhaben können - quality survives, wie könnte es anders sein. Ob der Verschluss auf 150.000 oder nur 150 Auslösungen ausgelegt ist, werde ich nicht herausfinden, denn nach einem einzigen Testfilm wird meine Topico in die Vitrine wandern und ihre Tage einträchtig neben der zweiäugigen DIY-Spiegelreflex von Somikon verbringen.
Kunststoff ist einfach in Form zu bringen und die simple Technik kann man ohne großen Aufwand in verschiedenen Variationen produzieren. Ob die Ähnlichkeiten der drei auf dieser Seite abgebildeten Kameras zufällig sind oder die Produkte alle von einem Hersteller kommen, bleibt spekulativ. Es hat in den1990ern einfach zu viele Hersteller von zu vielen Low-Cost-Kameras gegeben. Die Topico ist sicher eines der originelleren Produkte, weil mir kaum andere einfache Kompaktkameras mit einem Weitwinkelobjektiv bekannt sind. Hinweis: Die letzten fünf Fotos oben stammen nicht von mir und das Copyright ist nicht mehr bekannt.
Woher die Topico 2 Way Camera kommt, ist nicht ganz geklärt. Unterschiedliche Quellen nennen unterschiedliche Hersteller. Haking, Halina, Ansco, Sunpet, Carena oder Ouyama werden kolportiert. Tatsächlich gibt es einige Kameras ähnlicher Auslegung, die aber ausschließlich als Panorama-Kamera verkauft wurden. Die Revue-Panorama, die PIX-Panorama Odette, eine Ansco PIX-Panorama und eine Halina-Panorama sind dokumentiert. Die Kameras von Sunpet und Carena scheinen eher ins Reich der Legenden zu gehören, denn ich habe noch keine gesehen. Carena als Handelsmarke von Interdiscount beziehungsweise Photo Porst scheidet als Produzent aus und das Produktportfolio eines Kameraherstellers wie Sunpet ist zu vielfältig und unübersichtlich um ein einzelnes Modell zu lokalisieren. Am ehesten würde ich die Topico 2 Way Camera dem chinesischen Produzenten Ouyama zurechnen. Dort hat man eigene Kreationen unter den fantasievollen Markennamen Canomatic, Nokina, Maxi oder auch Ouyama vertrieben aber auch im fremden Auftrag produziert. Nicht ausgeschlossen, dass jemand unter der Fantasiemarke Topico einen Sonderposten hat fertigen lassen, welcher dann in verschiedenen Variationen weltweit verscherbelt worden ist. Die 90er-Jahre waren diesbezüglich eine wilde Zeit, da kann viel passiert sein.
Fazit: Nach einer Topico 2 Way Camera suchst du nicht, denn die Kamera findet dich! Nämlich am Flohmarkt für maximal einen Fünfer, oder man kriegt sie von jemand, der sie nicht schätzt, geschenkt. Damit ist sie dann billiger als jede Einwegkamera, mindestens genauso zuverlässig und macht auch noch viel mehr Spaß. Als Film nimmt man am besten Negativmaterial mit ISO 400. Das kann ruhig auch abgelaufen sein und es passt gut zur festen Blende 9.6, 11 oder 16 samt der vermuteten 1/60 Sekunde Belichtungszeit. Eine Topico 2 Way Camera ist so gesehen eine gute Wahl, wenn man sich das erste Mal mit Fotografie auf Film beschäftigt und man "etwas mehr" als eine Einwegkamera verwenden will.
Pro:

- Weitwinkelobjektiv mit annehmbarer Abbildungsleistung („Licht im Rücken und das Bild wird glücken")

- vollständig mechanisch, braucht keine Batterie

- einfachste Bedienung

- universeller als eine Lochkamera

- macht viel mehr Spaß als eine Einwegkamera, weil sie wiederverwendbar ist

- Plastikkamera und doch ziemlich robust

 

Kontra:

- keine Blendeneinstellung oder Wettersymbole

In meiner Topico-Kamera habe ich als einzigen Test nur den Rest eines Fujicolor 400 verbraucht. Eine Filmempfindlichkeit von ISO 400 gehört zu dieser Kamera und damit gelingen auch bei schlechtem Licht überraschend gefällige Aufnahmen. Wie man sieht ist das einlinsige Objektiv nicht der Meister der großen Schärfe, es vignettiert deutlich sichtbar und die Abbildungsleistung ist nur in der Bildmitte gut. Am Rand sieht man auch einen Verlust an Auflösung. Gerade Linien werden deutlich sichtbar gekrümmt. Die Bildfeldwölbung ist typisch für ein Weitwinkelobjektiv ausgeprägt kissenförmig und erinnert ein wenig an ein Fisheye-Objektiv. Architektur fotografiert man besser nicht mit der Topico. Ein Wunder an Bildqualität braucht man sich nicht zu erwarten, für eine so einfache Kamera ist das Ergebnis zufriedenstellend. Mehr kann man nicht erwarten. Ein Klick auf das Bild öffnet eine größere Ansicht dieser Aufnahme in einem neuen Fenster.