Zeiss Ikon Box Tengor 54/2
Box-Kameras waren die Kompaktkameras der 1920er- und 1930er-Jahre und haben was die Bildqualität betrifft nicht gerade einen exzellenten Ruf gehabt. Dabei war das Konzept für die damalige Zeit überzeugend. Jeder sollte mit einer kostengünstigen Box brauchbare Fotos im Familienkreis aufnehmen können. Den Film konnte man in der nächsten Drogerie oder beim Fotohändler entwickeln lassen oder auch zu Hause selbst verarbeiten. Im Wege von Kontaktkopien wurden dann Fotos hergestellt, weil Vergrößerungen in der Alltagsfotografie damals nicht üblich gewesen sind. Für optimale Ergebnisse sollte das Negativformat daher möglichst groß und das Objektiv möglichst scharf sein.
Die Zeiss Ikon Box Tengor 54/2 war eine preiswerte und robuste Kamera für den Durchschnittsanwender.
Der Blendenumschalter: eingeschoben entspricht f11, Mitte ist f18 und  herausgezogen f25 als kleinste Blende
Die Zeiss Ikon Box Tengor 756 54/2, so die volle Typenbezeichnung, erfüllt alle diese Anforderungen und noch ein bißchen mehr. Die hier vorgestellte Kamera (Modell 3) wurde im Zeitraum 1928 bis 1931 produziert, hat ein großes Negativformat von 6x9cm und eines der besten Objektive, die in Box-Kameras jemals verbaut wurden. Meine Box Tengor 54/2 mit Artikelnummer 756 hat 32 Schilling (kaufkraftbereinigt heute 113 Euro) bei Foto Wachtl in Wien gekostet und der erste Besitzer hat sich für 9,50 Schilling (34 Euro) auch noch die braune Ledertasche mit der Artikelnummer 1739/2 geleistet. Der Verlängerungsriemen aus Leder 1747/5 um 3 Schilling (11 Euro) war ein Luxus, der dann doch nicht gebraucht und weggelassen wurde.
 
Die Box Tengor 756 54/2 ist für Rollfilm 120, damals als Zeiss Ikon Film BII bezeichnet, ausgelegt und belichtet Negative mit dem Format 6x9cm. Das ergibt schön große Kontaktkopien und dazu kommt, dass das Objekitv für eine Box-Kamera etwas Besonderes ist. An Stelle einer einfachen Meniskuslinse, wie sie in allen anderen Box-Kameras üblich ist, wurde in der Box-Tengor-Serie ein Achromat verwendet. Das ist ein Zweilinser, bei dem die Frontlinse aus Kronglas und die hintere Linse aus Flintglas besteht. Das Doublet-Objektiv der Box Tengor besteht aus zwei Linsen in einer Gruppe, sprich die beiden Linsen sind miteinander verkittet. Damit ist das optische System aber noch nicht komplett, denn die Box Tengor 756 wurde laut Prospekt serienmäßig „mit eingebauter Gruppen- und Portrait-Vorsatzlinse" geliefert. Mit diesen zusätzlichen Linsen wird die Box Tengor 756 im Bereich von ein bis acht Meter Entfernung sogar zu einem unechten Dreilinser. Die Brennweite des Görz Frontar liegt mit 110mm im Bereich Normalobjektiv und könnte meiner Meinung nach ruhig kürzer sein. Ich gehe aber davon aus, dass die Abbildungsleistung bei einer geringfügig längeren Brennweite besser beherrschbar gewesen ist als bei einer kürzeren und deshalb gewählt wurde. Wie damals üblich ist das Objektiv nicht vergütet. Ich habe die Kamera nie mit Farbfilm ausprobiert, die Ergebnisse mit Kodak-TMax400-Schwarzweißfilm sind aber in Ordnung. Bei der Box Tengor 54/2 kann man jede der drei Blenden (11-18-25) wählen, denn die Abbildungsleistung des Objektivs verändert sich nicht. Der Verschluß ist wie das Prospekt vermerkt „für Zeit- und Momentaufnahmen" ausgelegt, was bedeutet, dass der Rotationsverschluß für „Momentaufnahmen" immer mit 1/25 Sekunde auslöst und für „Zeitaufnahmen" die Einstellung B verwendet werden muss
Entfernungsbereiche: 1 bis 2 Meter für Portrait, 4 bis 8 Meter für Personengruppen, ab 8 Meter für allgemeine Fotografie
vorne oben: Umschalter Momentaufnahme 1/25 Sek. und Zeitaufnahme B, darunter der Auslösehebel und Drahtauslöseranschluß
Die Handhabung der Box Tengor 54/2 ist recht einfach. Es gibt für Hoch- und Querformat je einen Brilliantsucher. Die beiden Sucher sollte man sauber halten, denn wenn sie verstaubt und trüb sind, kann man das Motiv nicht gut anpeilen. Ausgelöst wird über einen kleinen Hebel an der rechten Seite der Kamera oder den daneben befindlichen Drahtauslöseranschluß. Möchte man die Kamera auf ein Stativ schrauben, gibt es für Hoch- und Querformat jeweils ein 3/8-Zoll-Gewinde. Da kann man einen Adapter auf die gebräuchlicheren ¼-Zoll einschrauben und dann klappts auch mit modernen Stativen.
 
Das Filmeinlegen ist bei der Box Tengor 54/2 ziemlich einfach. Die Spule mit dem Film wird in die untere Spulenhalterung geklemmt, eine Leerspule in die obere Spulenhalterung. Dort wird dann der Filmanfang eingehängt und ein oder zwei Umdrehungen transportiert. Danach setzt man die Kamerarückwand auf, verriegelt sie und dreht solange am Transportschlüssel bis im roten Fenster auf der Rückseite die Bildnummer auf „1" steht. Ein großes Filmformat braucht eine möglichst gute Planlage und die erreicht man bei der Box Tengor 54/2 durch eine Andruckfeder im Bereich der unteren Spulenhalterung. Sollte diese Feder abgebrochen sein oder nicht mehr genug Druck erzeugen, kann man mit einem Stückchen elastischem Polystyrol nachhelfen. Bei dieser Kamera ist es besser, wenn der Film beim Transport straff gespannt wird. Eine Überlastung der Antriebmechanik ist ausgeschlossen, weil das Rückseitenpapier am Film und die beiden Plastikspulen die komplette Kraft übertragen.

Wo soll man die Box Tengor qualitätsmäßig einordnen? Das Objektiv ist eindeutig besser als die Lochblende einer Lochkamera, aber nicht so gut wie zum Beispiel das Pointar-Objektiv meiner Braun Paxina Tubus-Kamera und weit vom Xenar meiner Rolleicord Vb bzw. von den Fujinon-Objektiven meiner Fujifilm-Kameras entfernt. Adäquater Ersatz für eine Mittelformatkamera ist eine alte Box also nicht, eher eine Alternative zur Lochkamera und dafür gibt es gleich mehrere Gründe. Der erste Grund ist, dass ich meine Box Tengor um das Jahr 1988 um 50 Schilling (7,50 Euro) gekauft habe und der Erlös einem guten Zweck zugute gekommen ist. Wer sich heute eine Box Tengor zulegen möchte, gibt dafür ab ungefähr zehn Euro aus. Das ist günstig, denn eine neue Lochkamera 6x9 kostet wesentlich mehr. Der zweite Grund ist die Bildqualität. Das Görz Frontar ist ein echtes Objektiv und liefert eine brauchbare Bildqualität bei Tageslicht. Man kann mit einer Box Tengor aus der Hand fotografieren und ist nicht zwangsweise auf die Verwendung eines Stativs festgelegt. Der dritte Grund ist, dass die Kamera technisch einfach gehalten ist und Defekte praktisch ausgeschlossen werden können. Auch Wartungsarbeiten sind einfach. Man kann die Kamera einfach zerlegen und das Innere reinigen. Ein weiterer Grund die Box Tengor zu verwenden sind die zwei Brilliant-Sucher. Die sind zwar nicht besonders bequem, aber man sieht relativ genau was aufs Bild kommt. Bei einer Lochkamera ist man da viel spekulativer unterwegs.
Der Filmtransport funktioniert nur in eine Richtung und um den richtigen Abstand von einem Bild zum nächsten muß man sich selbst kümmern. Mit dem roten Fenster als Bildzählwerk geht das aber recht gut. Die Zeiss Ikon Box Tengor 54/2 war bereits für den noch immer erhältlichen Rollfilm 120 ausgelegt (Bild unten).
Viel gibt es im Umgang mit der Box Tengor 54/2 nicht zu beachten, nur dass ein großes Negativformat in Verbindung mit langer Verschlußzeit die Anfälligkeit für Verwacklung stark steigen lässt. Bei der Box Tengor habe ich schon einige Aufnahmen durch Wackler verdorben. Ein kurzer Drahtauslöser schafft bei dieser Problematik zwar sehr oft Abhilfe, ist aber auch kein Allheilmittel.

An meiner Box Tengor habe ich bisher noch nichts verändert und sie im originalen Zustand belassen. Ich überlege jedoch das Kamerainnere mit einer neuen Beschichtung oder Lackierung zu versehen um den Bildkontrast anzuheben. Das Kamerainnere ist nicht mehr Schwarz sondern tief Grau und möglicherweise wäre eine „schwärzere" Beschichtung eine einfache Möglichkeit einer Optimierung.

Fazit: Eine Zeiss Ikon Box Tengor 54/2 für zwanzig Euro oder weniger in gutem Zustand ist abseits der eBucht immer wieder zu bekommen. So eine Kamera würde ich wegen der Beweglichkeit beim Fotografieren jeder Lochkamera vorziehen. Mit einer Box Tengor, einem 400-ISO-Film und einem Sunny-16-Kalkulator kann man wunderbar entschleunigt fotografieren und dabei erstaunlich gute Ergebnisse erzielen. Die Zeiss Ikon Box Tengor 54/2 kann sich zwar nicht mit meiner Rolleicord Vb, den Fuji GA-Kameras oder GSW690III messen, sie ist aber mit etlichen Einschränkungen großes Mittelformat zum Minimaltarif.
Pro:

-
großes Mittelformat 6x9

- gutes Objektiv (auf die Kameraklasse bezogen)

- vollwertige Kamera

- einfache, robuste und wartungsfreundliche Konstruktion

- immer wieder preisgünstig zu haben



Kontra:

-
kein vollwertiger Ersatz für eine Mittelformatkamera

- nur eine 1/25 Sekunde Verschlußzeit

- 3/8-Zoll Stativanschluss

Das Bild stammt aus dem Jahr 1988 und wurde auf Kodak TMax 400 aufgenommen. Die Entwicklung erfolgte höchstwahrscheinlich im TMax-Entwickler, wie das zu dieser Zeit bei mir Standard war. Ein Scan mit dem Nikon LS-8000 bringt gnadenlos die Limitationen der Kamera zum Vorschein. Bildschärfe und Auflösung sind Durchschnitt und nicht mehr. Die Dachziegel sind zwar erkennbar, besonders gut aufgelöst sind sie aber nicht. Bei den Jalousien im Fenster des rechten Hauses ergibt sich ein ähnliches Resultat. Die Struktur ist erkennbar, aber mit nur durchschnittlicher Auflösung. Die Beschriftung und das Kennzeichen des Lieferwagens im unteren Teil des Bildes sind unlesbar. Größere Details mit gröberen Strukturen, wie das Balkongitter am rechten Haus, werden ausreichend aufgelöst und scharf abgebildet. Die Qualität reicht für eine Kontaktkopie, eine Ausbelichtung im Format 10x15cm oder eine Internet-Bildergalerie, wer größere Ausgabeformate braucht, sollte eine andere Kamera wählen. Für den Download der originalen Bilddatei (WinRAR-Datei mit ca. 84MB) bitte auf das Bild klicken.