Die optimale analoge Nikon-Ai/AiS-Ausrüstung - Teil 6: Die Nikon FA...
... ist die am weitesten entwickelte AiS-Kamera und die erste Multi-Automatik-Spiegelreflexkamera dieses Herstellers. Zur Markteinführung im Jahr 1983 war sie in technischer Hinsicht ihrer Zeit um einiges voraus. So besteht zum Beispiel die Kameraelektronik aus einem Mikrocomputer und fünf speziell für die Kamera entwickelten integrierten Schaltkreisen mit digitaler Signalverarbeitung. Damit war es möglich Zeitautomatik, Blendenautomatik - eine Novität bei Nikon, Programmautomatik und manuelle Nachführbelichtung in einem kompakten Kameragehäuse umzusetzen. Intelligent ist die Kamera dabei auch noch. Die Nikon FA kann Ai- und AiS-Objektive unterscheiden. In der Betriebsart Programmautomatik wird diese Fähigkeit genutzt um bei AiS-Teleobjektiven mit einer Brennweite von mindestens 135mm kürzere Belichtungszeiten zu priorisieren und damit die Gefahr verwackelter Aufnahmen etwas zu verringern. Das Umschalten zwischen der normalen Programmautomatik und der Kurzzeit-Programmautomatik erfolgt durch die Kamera. Und die FA hat eine weitere Besonderheit: die Kamera benötigt im Unterschied zu den Nikon-AF-Gehäusen für die Funktionsfähigkeit der Blendenautomatik [S], der Programmautomatik [P] und der AMP-/Matrix-Messung keine Objektive mit einer CPU. Die Lichtstärke und damit die maximale Blendenöffnung, ob ein Ai- oder AiS-Objektiv angesetzt ist und ob es sich um ein Teleobjektiv handelt, wird bei der Nikon FA rein mechanisch über Steuernocken abgefragt. Damit ist wirklich jedes Ai/AiS-Objektiv uneingeschränkt an der Nikon FA nutzbar, was bei einer manuell zu fokussierenden Nikon auch Sinn macht.
Nikon Ai/AiS - Teil 7 (in Vorbereitung)






Jänner 2022


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Download: Nikon FA Repair Manual

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Die Nikon FA ist die am weitesten entwickelte Ai/AiS-Kamera und laut Nikon eine verbesserte FE2. Zur Nikon FA gibt es eine fast unüberschaubare Objektivauswahl. Fast alle Ai-, AiS-, AF- und AF-D-Nikkor passen zur Kamera. AF-Objektive natürlich ohne automatische Scharfeinstellung, aber mit voller Funktionalität, weil sie grundsäzlich AiS-Typen sind. Das Bedienkonzept der Nikon FA entspricht dem Rest der FM/FE-Serie und ist so gut wie selbsterklärend.
Wie schnell die technische Entwicklung bei Fotogeräten am Beginn der 1980er-Jahre vorangetrieben wurde, kann man auch an der Belichtungsmessung der Nikon FA erkennen. Bereits im Jahr 1977 wurden bei Nikon zwei Teams gegründet, welche sich mit Forschungen zu Kameraverschlüssen mit ultrakurzen Belichtungszeiten und neuen Wegen bei der Belichtungsmessung beschäftigt haben. Die Ergebnisse dieser Arbeiten war die 1/4000 Sekunde als kürzeste Verschlusszeit bei der Nikon FM2 beziehungsweise FE2 in den Jahren 1982 und 1983 sowie ein völlig neuartiges Messsystem bei der ebenfalls 1983 neu eingeführten Nikon FA, welche Nikon übrigens als upgraded FE2 and world's first camera with (5-segment) Matrix Metering system im historischen Rückblick bezeichnet. Die bei Nikon damals übliche mittenbetonte elektrische Belichtungsmessung mittels einer CdS- oder SPD-Zelle wurde von der elektronischen Mehrfeldmessung AMP abgelöst. Bei der Nikon FA messen vierundzwanzig Fotozellen verteilt auf fünf Messfelder. Ein zentrales Messfeld ist von vier weiteren Messbereichen umgeben und so weit ich das verstanden habe, werden Helligkeitswerte aus den vier peripheren Messfeldern mit dem zentralen Messfeld verglichen. In welchen Bereichen und wie intensiv dort die Helligkeit gemessen wird ist dann der Ausgangspunkt für die richtige Belichtung. Der aus den Helligkeitswerten berechnete Bildkontrast wird zusätzlich in die Ergebnisse einbezogen und stellt eine weitergehende Optimierung dar. Die Nikon-Entwickler haben angeblich 100.000 Negative analysiert, deren Helligkeitsverteilung und Kontrastwerte in eine Matrix verpackt und im Mikrocomputer der Nikon FA abgelegt. Das klingt erst einmal recht kompliziert, in der Praxis reicht für alle "normalen" Fotomotive eine Lookup-Table in der Größe von vielleicht hundert Kilobytes, weil so viele in der Helligkeitsverteilung total unterschiedliche Fotomotive gibt es nicht und der Kontrastumfang von Film ist ja auch eine bekannte und gleichbleibende Größe. Damit kann die Belichtungsmessung erkennen um welches Motiv es sich handelt und treffsicher die passende Belichtung ausrechnen. Wer die Sache genau nachlesen will, kann das im Repair Manual der Nikon FA tun. Auf Seite 6 und ab Seite 110 gibt es ausreichend technische Informationen zur AMP-Messung. Eine Kleinigkeit off topic: Das Repair Manual ist ein beeindruckendes Stück Dokumentation. Man sieht, wie viel Technik tatsächlich in der Nikon FA steckt und ich bin ganz angetan von der akribischen Genauigkeit der Datensammlung. Die Nikon-Techniker haben die elektronischen Möglichkeiten der frühen 1980er-Jahre ganz schön ausgereizt. Um zurück zur Kamera zu kommen, die Nikon FA hat eine weitere kluge Funktion, die ebenfalls erst durch die Mikroprozessorsteuerung möglich wurde. In der Betriebsart Blendenautomatik [S] wird eine abweichende Belichtungszeit einstellt, wenn nach der Zeitvorwahl die AMP-Messung überhaupt keine Blende für die korrekte Belichtung findet. Auch damit werden Fehlbelichtungen wirkungsvoll vermieden.
Jedenfalls haben die Nikon-Entwickler damals nicht nur elektronisch exzellente Arbeit geleistet. Das Gehäuse der Nikon FA war ihrer Zeit und der Nikon FM-/FE-Serie, dessen Toppmodell diese Kamera damals gewesen ist, mehr als würdig. Der Kamerakörper besteht aus Aluminiumdruckguss, die Bodenplatte aus Messing und die Deckkappe aus schwarzem Polykarbonat bei der schwarzen Kamera oder metallisiertem Kunststoff beim silbernen Gehäuse. Man hat sich auch bemüht die umfangreiche Elektronik möglichst platzsparend zu konstruieren und im Kameragehäuse unauffällig zu verteilen. Das ist gut gelungen, auch wenn das Prisma der Nikon FA breiter als bei den anderen FM-/FE-Kameras ausfällt. Insgesamt eine Kamera mit einer schönen Silhouette, die nicht zu groß geraten und auch nicht zu schwer ausgefallen ist. Da hat man bei Nikon wirklich alles richtig gemacht.

Weniger richtig sind die Marketingstrategen des Herstellers mit ihren Preisvorstellungen gelegen. Die Nikon FA war nämlich kein Verkaufsschlager und ein Grund dafür war der Preis. Der hat nicht nur den Amateur, sondern auch gewerbliche Nutzer abgeschreckt. Die Nikon F3 mit dem normalen Prismensucher war nur etwa fünfzehn bis zwanzig Prozent teurer als eine Nikon FA. Und die Nikon F3 war 1983 das anerkannte Profi-Modell mit allerhöchster Reputation. Dazu ist in der ersten Hälfte der 1980er-Jahre noch gekommen, dass bei beruflich genutzten Kameras möglichst wenig Elektronik verbaut zu sein hatte. Als dann auch noch Gerüchte aufgetaucht sind, die Deckkappe der Nikon FA wäre aus Plastik, war die teure Nikon FA bei vielen Berufsfotografen abgemeldet. Mich hat vor Jahrzehnten die Nikon FA durchaus interessiert, der hohe Preis verglichen mit den damals relativ günstig gebraucht erhältlichen FE2 hat aber die Anschaffung nie in Frage kommen lassen.

Das hat sich im Herbst 2021 mit der hier präsentierten Kamera geändert. Ein Zufallsfund in sehr gutem Zustand ohne ausgeleierten Blendenhebel, ohne Macken in der Elektronik und mit einem wunderschön kontrastreichen LC-Display. Diese Kamera hat noch keine intensive Nutzung hinter sich und hoffentlich noch viele Filme vor sich. Schließt man von der Seriennummer 550xxxx auf das Baujahr, müsste das etwa 1985 sein. Genau konnte ich es nicht festlegen, denn nach meinen Recherchen beginnen die Seriennummern der Nikon FA bei 50xxxxx. Die höchste mir über den Weg gelaufene Seriennummer ist übrigens 640xxxx, wobei anzumerken bleibt, dass für schwarze und silberne Gehäuse bei Nikon früher unterschiedliche Nummernkreise vergeben worden sind, allerdings ohne Garantie, ob das bei der FA auch so gewesen ist. Egal, die Kamera stammt irgendwo aus der Mitte der Produktionszeit und hat inklusive Versand und Nebenkosten 160 Euro gekostet. Bezogen auf den sehr guten Zustand ist das ein berechtigter und verglichen mit so manch anderem Nikon-Modell günstiger Preis.
Die Nikon FA gehört zur FM-/FE-Serie und viele Zubehörteile sind demnach uneingeschränkt nutzbar, obwohl man nicht viel Zubehör zu dieser Kamera braucht. Interessant sind vielleicht die auswechselbaren Mattscheiben. Da würde am ehesten die K-3-Einstellscheibe der FM3a Sinn machen, weil der helle Sucher damit noch ein wenig heller wird. Die Datenrückwand MF-16 kann man noch brauchen weil das Datum bis zum Jahr 2100 reicht und mit dem Motorantrieb MD-12 oder MD-15 liegt die Kamera bestens in der Hand, wenn man schwere und lange Objektive angesetzt hat. Die Nikon FA ist allerdings auch ohne Motorantrieb eine ergonomische Kamera. Man kann sie durch das serienmäßig angeschraubte Handgriffstück sehr gut halten und die Bedienelemente sind übersichtlich entsprechend dem Nikon-Layout der FM-/FE-Serie. Gut gefällt mir auch der aufgeräumte Sucher mit der hellen Mattscheibe und dem LC-Display ähnlich der Nikon F3. Was an der Nikon FA fehlen könnte ist ein High-Eyepoint-Sucher und was ihr wirklich fehlt ist eine Beleuchtung für das LC-Display im Sucher. Das ist aber schon das einzige Manko an dieser Kamera.

Schwachstellen an der Nikon FA gibt es wenige, ich habe eine Weile recherchiert und dazu auch meinen Gebrauchtgeräte-Foto-Dealer befragt. Es empfiehlt sich die Lichtdichtungen und den Spiegelanschlagdämpfer zu kontrollieren. Die Blendenmechanik kann bei intensiv genutzten Kameras schwächeln. Dann schließt während der Belichtung die Blende nicht richtig und es droht Fehlbelichtung. Dieses Phänomen ist auch von anderen heavy-used Nikon-Gehäusen bekannt. Das LC-Display ist besser als man immer hört und verblasst nur in Kameras, die jahrelang abseits normaler Raumtemperaturen gelagert wurden, wie das zum Beispiel bei Dachbodenfunden der Fall sein kann. Elektronisch ist die Nikon FA unauffällig. Da kann man nur mutmaßen, dass lediglich Kameras mit langzeitstabilen Bauteilen bis heute überlebt haben. Im Sucher werden nicht benötigte analoge Anzeigen für Blende und Zeit je nach gewählter Betriebsart abgedeckt. Das geschieht mechanisch über einen Seilzug und klappt nach fünfunddreißig oder mehr Jahren manchmal nicht ganz einwandfrei. Dann bleibt bei der Blendenanzeige noch ein Teil sichtbar, weil das Abdeckplättchen nicht einwandfrei hin und her klappt. Das ist ein Schönheitsfehler und die Kamera funktioniert weiterhin uneingeschränkt. Die Reparatur ist machbar und recht aufwendig, denn man muss dazu die halbe Kamera zerlegen. Für eine fast vierzig Jahre alte Kamera halten sich die Schwachstellen aber in Grenzen, wie man das bei einem Qualitätsprodukt erwartet.
Datenrückwand MF-12: Sie gehörte ursprünglich zur Nikon FM und FE, kann aber auch an die FA angebaut werden. Das Datum reicht bis zum Jahr 2100, nur sollte man das Verbindungskabel nie verlieren. Die MF-12-Rückwand ist ohne das Kabel funktions- und wertlos.
Wie lässt sich die Nikon FA in der FM-/FE-Serie einordnen? Die Nikon FA fügt sich dort nahtlos ein, denn das Gehäuse basiert mechanisch auf der Nikon FM2 und elektronisch auf der FE2. Sie ist das Modell mit der umfangreichsten und modernsten Ausstattung. Verglichen mit einer FM/FM2 ist sie absolut High-Tech. Da kann man bei der FM oder FM2 nicht mehr mit Purismus als Vorteil argumentieren, die Nikon FA ist eine andere Klasse. Eine Nikon FE beziehungsweise FE2 fällt bei Ausstattung und Bedienung gegenüber der FA weniger zurück. Mehr als manuelle Einstellung plus Zeitautomatik kombiniert mit einem robusten Gehäuse braucht man bei einer analogen Spiegelreflex zwar nicht, aber der günstigere Preis ist ein Argument für die opulent ausgestattete FA. Schwerer tut man sich bei der Nikon FM3a. Die ist wesentlich neuer als eine Nikon FA aber erheblich teurer bei geringerem Funktionsumfang. Ganz nüchtern betrachtet ist auch in diesem Fall die Nikon FA die bessere Wahl. Eine FM3a ist aber noch seltener als eine FA und hat dazu den Ruf überhaupt eines der besten analogen Nikon Gehäuse zu sein. Wer nicht so sehr aufs Geld schauen muss, wird genau aus diesen Gründen wohl eher zur FM3a greifen. Oder man kauft sich beide Kameras, bekanntlich hat ja jedes Modell seine Meriten. Das Gear-Acquisition-Syndrome lässt grüßen.
Sieht nur in der Vitrine und am Foto gut aus: Die Nikon FA mit dem Motor MD-12 und der Datenrückwand MF-12. MD-12 und MF-12 machen die zierliche Nikon FA ganz schön groß und ganz schön schwer. Ehrlich gesagt ist diese Kombination nichts für mich.
Fazit: Die Nikon FA ist die 1980er-High-Tech-Kamera im klassischen Design. Die Nikon FM3a ausgenommen, ist die Nikon FA sicher die Krönung der FM-/FE-/FA-Serie. Die Nikon FA ist solide gebaut und war durchaus für professionelle Nutzung geeignet. Daran hat auch die Deckkappe aus Kunststoff nichts geändert. Man kann bei dieser Kamera so viel oder so wenig Automatisierung haben, wie man gerade will. Die Kamerabedienung ist selbsterklärend und eine Bedienungsanleitung braucht man nicht. Das Belichtungsmesssystem ist bei Farbnegativ- und Schwarzweißfilm treffsicher und nach ein paar Filmen kann ich bestätigen, dass es völlig unbrauchbare Negative mit der Nikon FA nicht zu geben scheint. Meine Objektivempfehlung zur Nikon FA ist ein kleines Zoom wie das Zoom-Nikkor 28-50mm/f3.5 oder eine Festbrennweite wie das Nikkor 28mm/f2.8 beziehungsweise das 24mm/f2.8. Damit bleibt die Ausrüstung schön kompakt und leicht.
Pro:                                                                                                Kontra:

- treffsichere AMP/Matrix-Messung                                                - fehlende Beleuchtung für Sucheranzeigen
- (fast) alle Ai-, AiS-, AF- und AF-D-Objektive verwendbar
- noch immer modernes und einfaches Bedienkonzept
- übersichtlicher Sucher