Die optimale analoge Nikon-Ai/AiS-Ausrüstung - Teil 7: Ai und AiS Unterschiede
Auf Anregung eines Lesers werde ich in aller Kürze eine Übersicht über die technischen Seiten von Ai und AiS geben. Schon klar, auf der siebten Seite über Nikon Ai/AiS ist das ein wenig spät, aber besser hier als nie.

Um einen möglichst hohen Bedienungskomfort zu erreichen und Automatikfunktionen bei der Belichtungsmessung in der Kamera zu realisieren, ist ein gewisser Datenaustausch zwischen dem Objektiv und der Kamera unumgänglich. Heute geschieht das alles elektronisch, bis in die 1980er war man aber weitgehend auf Mechanik angewiesen. Der wichtigste Parameter beim Datenaustausch war von je her die Blende zur Regelung der Lichtmenge. Die sitzt bei Spiegelreflexkameras aus optischen Gründen immer im Objektiv und wird dieses gewechselt, wird auch die Blende mit dem Objektiv mitgewechselt. Bei den allerersten Spiegelreflexkameras mit Wechselobjektiven und eingebauter Belichtungsmessung (Pentax Spotmatic) gab es gar keine Übertragung von Blendeninformationen zur Kamera. Die Blende mußte zuerst auf den gewünschten Wert geschlossen werden und erst dann konnte man den Messvorgang beginnen. Das nennt man Arbeitsblendenmessung oder Stop-down-Metering. Es funktioniert, ist aber langsam, unbequem und das Sucherbild dunkelt ab.

Nikon hatte bei den Photomic-Suchern der Nikon F in den 1960ern ein mechanisches Kupplungssystem entwickelt, mit dem Blendenwerte auch bei voll geöffneter Blende der Kamera mitgeteilt wurden. Das nennt man Blendensimulation und funktioniert so: Am Objektiv war eine Mitnehmergabel angebracht, die in einen kameraseitig vorhandenen Hebel eingreifen musste. Hat man am Blendenring gedreht, wurde der sich verändernde Blendenwert über den Hebel der Kamera mitgeteilt. Die Blende bleibt stets offen und wird nur während der eigentlichen Belichtung geschlossen. Die Blendengabel am Objektiv bekam schnell den Spitznamen Hasenohren (übrigens auch im Englischen als Rabbit Ears bekannt) und war clever, zuverlässig aber noch nicht so bequem, wie das vor allem die Profifotografen haben wollten. Nachdem Nikon zwar eine moderne aber immer irgendwie auch eine konservative Firma gewesen ist, hat man eineinhalb Jahrzehnte gebraucht, bis etwas Neues vorgestellt wurde. Im Jahr 1977 wurde ein neues, hypermodernes Kupplungssystem auf den Markt gebracht. Es war beim Objektivwechsel was den Blendenmitnehmer betrifft narrensicher geworden und vor allem blieb das eigentliche Objektivbajonett unverändert. Das ist nicht selbstverständlich gewesen, denn bis auf Pentax mit dem heute noch existenten K-Bajonett haben die anderen großen Hersteller spätestens in den 1980ern die Objektiv-Bajonette komplett erneuert.

Bei Nikon ist es zum Glück gleich geblieben und was noch besser war, das neue Blendenübertragungssystem in Form einer Nockensteuerung konnte sogar in vielen alten Nikkor-Objektiven nachgerüstet werden. Da gab es speziell auf die Objektive abgestimmte Ai-Kits, die im Wesentlichen aus einem passenden Blendenring mit der Steuernocke bestanden. Das Aperture indexing genannte System war fehlbedienungssicher, weil man sich um die Steuernocke im Gegensatz zur Blendengabel nicht mehr kümmern musste. An den neuen Ai-Kameras konnten in der Anfangszeit auch non-Ai-Objektive angesetzt werden, allerdings nur mit Arbeitsblendenmessung. Aber wie ich bereits ausgeführt habe, war es möglich die älteren Gläser auf den neuen Standard aufzurüsten und zum Ai-Objektiv zu machen und das war mit Preisen um die 400 Schilling (1977/78) nicht unerschwinglich teuer. Das Ai-System wurde gut am Markt angenommen und die Leute haben wie blöd Kameras und Objektive gekauft. Und weil die Zahl der gebauten Objektive in die Hunderttausende geht, gibt es heute noch ziemlich viele davon in gutem Zustand, die noch lange nicht in die Altglastonne gehören. So hat das Ai-System bis heute Bestand, weil neben den analogen Ai-Gehäusen einige digitale Nikon-Spiegelreflexgehäuse immer noch mit einem Ai-Kuppler ausgerüstet sind. Aber auch die Liste der „echten" Ai-Kameras ist beeindruckend: Nikon F2A und F2AS, Nikkormat FT3, Nikon EL2, EM, FE, FM, FG, FG-20, F3, FE2, FM2, FA, FM3A, FM10, FE10 und F-601.

Drei Generationen von Ai-Objektiven: links ein Nikkor 28mm/2.8 als klassisches Ai-Modell, in der Mitte ein Nikkor 105mm/2.5 als klassische AiS-Ausführung und rechts ein AF-Nikkor 35-70mm/3.3-4.5, welches zusätzlich alle Merkmale eines AiS-Objektivs besitzt und sich an einer Ai- oder AiS-Kamera entsprechend verhält. Der grundsätzliche Objektivanschluss ist bei allen Objektiven gleich und durch überlegt hinzugefügte Erweiterungen ist es möglich neue Objektive an alten Kameras und alte Objektive an neuen Kameras zu verwenden. Nikon hat diese Konstruktionsprinzipien bis in der 2000er-Jahre beibehalten und erst dann die 100%ige Rückwärtskompatibilität aufgegeben.
Im Jahr 1982 wurde das Ai-System zu AiS (Aperture indexing Shutter [Priority]) erweitert. Notwendig wurde das, weil mit der 1983 vorgestellten Nikon FA erstmals bei Nikon eine Kamera die Steuerung der Blende im Objektiv übernimmt. Die bis dahin in den Objektiven verwendeten Blendenmechaniken waren für eine lineare Steuerung der Objektivblende durch die Kamera nicht ausgelegt. Die mechanischen Abstände von einer Blendenstufe zur nächsten sind bei den non-Ai und Ai-Objektiven recht unterschiedlich ausgefallen. Für eine AiS-Kamera wurden aber gleichmäßige mechanische Schrittweiten notwendig, die überdies bei jedem Objektiv gleich zu sein hatten. Das ist die wesentliche Änderung von Ai zu AiS, welche man dem Objektiv gar nicht ansieht, weil es sich um eine mechanische Angelegenheit im Inneren handelt.

Ein AiS-Objektiv besitzt aber auch ein paar äußerliche Kleinigkeiten, an denen man es identifizieren kann. Die kleinste Blende, meist f22 oder f32 ist bei beiden Skalen am Blendenring orange eingefärbt und am Bajonett des Objektivs ist neben der Kerbe für die Objektivverriegelung eine kleine Vertiefung eingefräst. Gegenüber im Objektivanschluss der Kamera befindet sich ein Stift, der über einen Schalter der Kamera mitteilt, ob das angesetzte Objektiv die Kerbe hat und ein AiS-Typ ist oder nicht: Stift gedrückt bedeutet Ai-Objektiv, Stift nicht gedrückt bedeutet AiS-Objektiv.

Ein weiterer Schalter an einer AiS-Nikon überprüft, ob die Blendenmechanik auf die kleinste Blende (also die mit der größten Zahl) eingestellt ist. So viel mir bekannt ist, ist der Schalter ein Teil der Blendensteuerung in den Betriebsarten [P] und [S]. Gibt es mit einem Objektiv Probleme oder ist eine abweichende Blende am Objektiv eingestellt, blinkt die bekannte Warnung FEE im Sucherdisplay.

Ein AiS-Nikkor ab 135mm Brennweite hat neben der hinteren Linse eine zusätzliche Steuernocke, welche der Kamera mitteilt, dass ein Teleobjektiv angesetzt ist. In der Kamera befindet sich etwa bei der Vier-Uhr-Position ein Schalter, der von einer vorhandenen Nocke betätigt wird. Schalter gedrückt bedeutet bevorzugt kürzere Belichtungszeiten sowie eventuell die Umschaltung auf die Kurzzeit-Programmautomatik. Wird der Schalter nicht gedrückt bedeutet das die übliche Programmautomatik ohne Präferenz für kurze Zeiten. Die Nikon F301 ist die einzige AiS-Kamera, welche aus diesem Schema herausfällt. Bei ihr kann mit jedem Objektiv die Kurzzeit-Programmautomatik über das Drehrad für die Belichtungszeiten eingestellt werden. Wählt man P-Hi wird die Blende um eine Stufe geöffnet und die Belichtungszeit um eine Stufe verkürzt.


Die AiS-Technologie ist genial, weil sie rein mechanisch funktioniert und rückwärtskompatibel bis zur ersten Nikon-Kamera mit F-Bajonett bleibt, auch wenn man dort die Funktionen nicht nutzen kann. Gleichzeitig markiert die AiS-Technologie den Endpunkt von Entwicklungen bei den manuell zu fokussierenden Nikkor-Objektiven.  Mit der Nikon F-501 und den AF-Nikkoren wurde AiS zwar weitergeführt, neue Funktionen und Datenübertragung zwischen Kamera und Objektiv aber konsequent auf elektronische Übertragung umgestellt. So gibt es von  Nikon nur drei Kameras, welche echte AiS-Modelle sind: die Nikon FA und die beiden Schwestern F-301 und F-501.

Ein Sonderfall ist die Nikon FG, die keine AiS-Kamera ist, obwohl sie für die Programmautomatik die Blende steuern muss. Ungenauigkeiten bei der Blendensteuerung werden durch eine stufenlos gebildete Belichtungszeit ausgeglichen. Auch das funktioniert ziemlich simpel. In der Betriebsart Programmautomatik wird bei einer ersten Messung eine Zeit-Blenden-Kombination gebildet. Drückt man den Auslöser ganz durch, schließt sich die Blende und die Kameraelektronik mißt ein zweites Mal die Belichtung unmittelbar bevor der Verschluß öffnet. Hat sich die Blende gegenüber dem zuerst gemessenen Wert zu viel oder zu wenig geschlossen, werden diese Abweichungen durch die Korrektur der Belichtungszeit ausgeglichen. Dazu ist der Mikroprozessor in der Nikon FG ausreichend schnell und leistungsfähig. Für alle, die das nicht glauben, habe ich nachgesehen: Die FA, die F-301 und die F-501 haben den AiS-Schalter am kameraseitigen Bajonett, bei der FG ist er nicht vorhanden.

Und jetzt zwei Antworten auf zwei noch gar nicht gestellte Fragen: Die Nikon F4 ist keine echte AiS-Kamera, weil sie zwar die mechanischen Schalter für AiS-Nikkore besitzt und mit diesen Spot- oder Matrixmessung möglich ist, die Kamera kann aber zur Nutzung von Programm- und Blendenautomatik die notwendigen Parameter nicht mechanisch erfassen und braucht dazu Objektive mit einer sogenannten CPU. Ähnlich verhält sich auch die Nikon F-601M. Sie besitzt weder den AiS-Stift im Kamerabajonett noch die Abtastung für die Objektivbrennweite. Die Blenden- und Programmautomatik kann nur in Verbindung mit einem AF- oder AF-D-Nikkor und dessen CPU aktiviert werden.

Da schließt sich auch der Kreis. AiS hat in den AF- und AF-D-Nikkoren weitergelebt, denn das sind auch vollwertige AiS-Objektive. Sie haben aber eine Elektronik eingebaut und damit die Möglichkeit viel mehr Informationen mit einer Nikon-AF-Kamera auszutauschen, als das mit AiS möglich wäre. Aber das ist schon eine andere Geschichte.

Ein AiS-Nikkor ist leicht zu identifizieren: Die Schärfentiefe-Skala ist im Chromring eingraviert. Am Blendenring ist die kleinste Blende (in diesem Fall f22) sowohl auf der großen als auch auf der kleinen im Sucher eingespiegelten Skala in der Farbe Orange ausgelegt. Der Blendenmitnehmer für non-Ai-Kameras ist auch bei jedem AiS-Objektiv serienmäßig montiert gewesen.
Der mit den Ai-Objektiven und Kameras eingeführte Steuernocken für die Blendensimulation ist auch bei AiS genuiner Bestandteil des Systems. Auf der linken Seite am Bajonett sieht man neben der Kerbe für die Objektivveriegelung die eingefräste Vertiefung für die AiS-Aktivierung einer entsprechenden Kamera.
Früher war alles besser? Im Fall der Verarbeitung von Nikkor-Objektiven stimmt das für mich. Die Ai- und AiS-Nikkore gehören für mich zu den am besten verarbeiteten Objektiven überhaupt. Da wurde überall aus dem Vollen gefräst und das Produkt auf Langlebigkeit ausgelegt. Davon profitiert man heute, denn vergleichsweise viele Objektive haben die Jahrzehnte in gutem Zustand überdauert.
Fazit: AiS-Objektive unterscheiden sich von den Ai-Modellen marginal und machen nur an einer der drei AiS-Kameras einen Sinn. Wer keine Nikon FA, F-301 oder F-501 verwendet braucht keine AiS-Objektive und kann beruhigt die Ai-Versionen wählen. Viele Ai- und AiS-Objektive sind übrigens optisch völlig gleich und einen eventuellen Aufpreis, nur weil es AiS-Objektive sind, kann man sich in so einem Fall sparen.
Links eine Ai-Kamera (Nikon FM2) und rechts eine AiS-Kamera (Nikon FA): [1] Blendensimulation (Belichtungsmessung mit geöffneter Blende, möglicher Meßbereich f1.0 bis f64)  [2] Springblende (schließt die Blende nur während der Belichtung)   [3] AiS-Kennung (Objektiv ist AiS oder Ai)   [4] Schalter für Brennweitenerkennung (ab 135mm wird Kurzzeitprogramm aktiviert)   [5] Blendensteuerung (das Objektiv teilt der Kamera seine kleinste Blende mit, der Wert muss über f11 liegen) Wie man sehen kann, ging das Anfang der 1980er alles rein mechanisch und ohne Batterien. Eine beachtliche Leistung.